Wiedersehen
Von
optik
Montag 25.11.2024, 14:32
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Sonntagmorgen. Die ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne, drangen in ihr Zimmer und versetzten sie in eine wahre Hochstimmung. Diesen Tag musste sie einfach in der erwachenden Natur genießen, sagte sie sich. Formationen heimkehrender Kraniche hatte sie schon vor einigen Tagen lautstark tönend am Himmel entdeckt.
Mit einem Satz sprang sie aus dem Bett.
Ob wohl die Schwäne schon wieder zurück sind, ging es ihr durch den Kopf als sie das Frühstück bereitete. Solange sie denken konnte waren sie ein Bestandteil der städtischen Parkanlage. Im Spätherbst wurden sie eingefangen, um in einem entfernt gelegenen Tierpark zu überwintern.
Sie liebte diese weißen majestätischen Tiere. Mit den Jahren hatte sie den Eindruck gewonnen sich mit ihnen angefreundet zu haben, so, als würden sie sich persönlich mögen. Beide Schwäne waren unzertrennlich und stets gemeinsam anzutreffen. Es hatte sie beeindruckt, als sie dem würdevollen Ausbreiten des mächtigen Gefieders, mit der enormen Flügelspannweite zusah. Beide Schwäne hatten eine unterschiedliche Größe, daher nahm sie an: Es musste ein Pärchen sein. Seitdem nannte sie die gefiederten Freunde Lohengrin, - und wie sollte es bei seiner Partnerin anders sein, sie wurde Elsa gerufen. Voller Erwartungen sah sie daher an diesem Frühlingstag einem eventuellen ersten Treffen entgegen.
Schon von Weitem erkannte sie zwei strahlend weiße Punkte durch das aufkeimende erste Grün der Parkanlage. Mit schnellen Schritten bog sie in den Hauptweg ein und rannte erwartungsvoll über die Grünfläche der Uferpromenade zu.
Ja, sie sind es. Elsa und Lohengrin und, -als könnten auch sie das Wiedersehen kaum erwarten, bewegten sie sich überschwänglich und regelrecht über die Wasserfläche fliegend dem Ufer entgegen.
Doch was war das?
Ehe sie sich versah wurde sie von einem Strudel erfasst und in die Tiefe gerissen.
Eisig kalte Wasserfluten brachen über sie zusammen, umschlossen sie und hielten sie hilflos gefangen. Wie aus heiterem Himmel befand sie sich in einer ausweglosen Situation und es schien, als gäbe es gar kein Entrinnen. Was war los? Was war passiert, hämmerte es in ihrem Hirn.
Tausend Fragen jagten durch ihren Kopf. Von Panik geschüttelt strampelte sie, versuchte sich mit Schwimmbewegungen krampfhaft aus den Fluten zu befreien, aber ihr Körper reagierte nicht. Sie fühlte sich in einer Trägheit gefangen, ihre Bewegungen waren einem Lähmungszustand gleich. Es wurde um sie herum entsetzlich dunkel und kalt. Immer wieder versuchte sie sich zu befreien, doch alle ihre Bemühungen blieben in der Starre des Gefangenseins. Eine ungeheure Kraft hielt sie wie in Ketten und schien sie tiefer in einen Strudel zu ziehen. Sie spürte wie ihre Zähne zu klappern begannen. Todesängste befielen sie und ihre Kräfte liesen nach. In diesem erstarrenden Taumel tauchten plötzlich zwei weiße riesengroße Schatten über ihr auf.
Mit einem letzten Aufbäumen versuchte sie etwas zu greifen, sich daran festzuhalten, doch es schien als würde sie erneut von magischen Kräften niedergedrückt. Vom blankem Entsetzen gepackt spürte sie wie zwei rote Schnäbel sie zu attackieren begannen. Sie wirbelten sie erneut herum, hackten ihr in den Rücken, - in die wie wild um sich schlagenden Arme, in ihre strampelnden Beine. Sie versuchte zu schreien, zu brüllen, doch es gluckste, es gluckerte nur. Ihre Stimme versagte. Immer wieder tauchten die beiden Riesengestalten über ihr auf. Sie spürte schlagende Schwingen die sie, wie in einem Whirlpool mal kopfüber, mal kopfunter, herumwirbelten.
Urplötzlich schoss es ihr wie ein Blitz durch den Kopf. Elsa und Lohengrin! Was hatte sie beiden getan? Warum gebärdeten sich die beiden Schwäne so entsetzlich zerstörerisch? Was war in die Tiere gefahren, was war die Ursache dieses wilden Angriffes?
Warum bin ich ihr Opfer, hämmerten die Gedanken indem ihre Kräfte gänzlich schwanden. Sie fühlte sich nur noch schwerelos in dem wilden Durcheinander dahintreiben. Sie fiel und fiel und fiel immer tiefer in die Fluten und wurde von einer ganz eigenartigen ruhigen Gelassenheit befallen. Alles wurde um sie stiller, leiser und so nach und nach überkam sie eine sich lösende Trägheit.
War sie endlich diesem Inferno entgangen, endlich gerettet? Sie wollte nicht denken, nur noch weiter ruhen und dahin treiben - und im Unterbewusstsein sah sie wie Elsa und Lohengrin..., wie beide langsam davon schwammen. Sie sah sich im Sonnenschein auf der Bank an Promenade sitzen und endlich überkam sie eine erlösende, wollige Wärme.
Ganz unerwartet wurde sie erneut von einem lauten schrillen Geräusch aufgeschreckt.
War das Inferno noch nicht zu Ende? Noch einmal durchzuckten erschreckende Momente ihren Körper........ aber nein.
Es war ihr Wecker!
Die Schatten der Nacht verschwanden langsam als sie begriff, dass sie unbeschadet und wohlbehalten in ihrem Bett lag. Befreit atmete sie durch, streckte sich lang aus, fühlt sich geborgen und eine innerlich-belebende Ruhe breitete sich in ihr aus.
Elsa und Lohengrin, seufzte sie nachdenklich.
Sie hatte die Opernaufführung vor einigen Wochen als ein musikalische Erlebnis empfunden.... ! War dadurch dieser entsetzliche Traum zustande gekommen?
Sie nahm die hellen Sonnenstrahlen wahr die durch die Jalousien drangen. Mit frischem Elan sprang sie aus dem Bett. Diesen Tag wollte sie nun wirklich genießen und trällerte unter der Dusche die Arie "sei mir gegrüßt du lieber Schwan......"