Kindheitserinnerungen
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Feierabend-Mitglied
Samstag 29.07.2023, 16:29 – geändert Samstag 29.07.2023, 16:32
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Animiert durch Galens Feriengeschichte auf der FA-Titelseite wiederhole ich hier noch einmal meine Kinderferien auf dem Land:
Tante Elly hieß zwar Elly, war aber nicht meine Tante. Sie war die Tante meiner Schwester. Wir hatten verschiedene Väter und dadurch auch verschiedene Verwandte. Also: Unsere Tante Elly wohnte mit Mann und Sohn auf dem Land.
Sobald man von der Dorfstraße einbog in die schmale Feldstraße, sah man ihr kleines altes Bauernhaus geduckt unter einer gewaltigen Kastanie. Gemauert war es aus Klinker, und mit Klinker war auch der Vorplatz gepflastert.
Zwischen Haus und Kastanie dampfte links die sogenannte Miste, ein Misthaufen in einem ummauerten Quadrat von vielleicht 4 x 4 Metern.
Nach dem Öffnen der Haustür betrat man die Diele – dunkel, ohne Fenster, links die Treppe nach oben, geradeaus links die Küchentür, geradeaus rechts die Tür zum ersten Wohnzimmer. Das erste Wohnzimmer war vornehm ausgestattet mit Kerzenleuchtern auf einem wuchtigen Buffet, mit Zigarrendose, Feuerzeug, Aschenbecher – alles in Silber auf einem niedrigen Rauchtisch – dahiner die Stehlampe. Ein riesiger Esstisch mit Stühlen füllte den Raum. Gewohnt wurde hier nur selten. In diesem Zimmer wurde getraut, denn unser Onkel war außer Vorstand des Kalibergwerks auch noch Bürgermeister in diesem kleinen Ort.
Ging man durch diesen auf uns Kinder etwas kalt wirkenden Raum hindurch, wurde es gemütlich. Kuschelsessel, Rauchtisch, Stehlampe, alte Möbel. Ein Wohnzimmer für alle Tage. Von dort führte eine Tür in den Garten.
Wir jedoch wollen im Haus bleiben und gehen zurück in die Diele, denn beinahe hätte ich die Küche vergessen. Sie war so groß wie beide Wohnzimmer zusammen, ein Kohleherd zum Heizen und Kochen, ein zweitüriger Küchenschrank mit Aufbau für Gläser und Geschirr, Im offenen Mittelteil die Brottrommel. Gegenüber der Tür ein kleines Fenster. Darunter das Plüschsofa hinter einem Esstisch, um den Tisch einige abgeschabte Holzstühle. Hier war man Zuhause, hier wurde gelebt. Hier wurde Gemüse geputzt, gekocht, gegessen und geschwatzt. Hier fand man Gesellschaft, hier war es warm.
Doch bevor wir es uns hier gemütlich machen, müssen wir zurück in die Diele Richtung Speisekammer. Sie lag an einem winzigen Flur, der am Ende der Treppe nach links führte. Und gleich linkerhand öffnete sich das Paradies. Schinken hingen an der Decke, Mettwürste trockneten an Haken. Gläser mit eingemachtem Obst und Gemüse, auch mit Marmelade, reihten sich auf derben Holzböden aneinander. Darunter Töpfe, Pfannen, Einweckgeräte, Entsafter, Butterfass und viele andere Gerätschaften, die ein bäuerlicher Haushalt braucht. Sehnsuchtsvoll stand ich vor den Würsten und träumte – einmal eine ganze Wurst für mich allein. Es blieb ein Traum.
Nicht nur abends stiegen wir die Treppen hinauf in die dicken Federbetten, nein auch zur Mittagsruhe. So mancher Schlafversuch schlug fehlt, und so öffnete man das kleine zweiflüglige Fenster, um mal nach draußen zu schauen. Das Spalierobst mit den Sauerkirschen wuchs links und rechts am Fenster hoch, Bienen und andere Insekten summten in der Mittagssonne. Unten im Garten lag waagerecht auf einem Unterbau das riesige Mühlrad, an dem der Onkel die Sensen schliff. Mit einer Kurbel wurde es in Schwung gebracht, dann sauste es im Kreis. Uns Kindern war das Kurbeln verboten, aber nichts machte mehr Spaß als dieses Karussell, auf dem die Katze nie mitfahren wollte. Aber noch war Mittagsruhe und man schlich zurück ins Bett. Wenn Tante Elly auf den knarrenden Stufen die Stiege hoch kam, kniff man die Augen zu und tat, als ob man schliefe. Doch dann ging es raus aus den Federn und die Treppe wieder runter.
Der Gang zum Klo wurde hinausgezögert so lange es ging, denn der Weg war befremdlich und führte zunächst durch die Waschküche. Hier kochte nicht nur die Wäsche, hier kochte die Marmelade, hier kochte das Schweinfutter, hier wurde Sirup gekocht und Gemüse eingeweckt. Hier roch es jeden Tag anders, aber es roch nie gut.
Dann schnell nach rechts raus aus der Waschküche und rein in den Stall. Hier roch es auch nicht gut, und der Stall war so geräumig, dass man sich darin verloren vorkam. Geradeaus auf einem gemauerten Podest stand das Klo – eine Holzkiste mit einem runden Loch. Saß man auf diesem Thron, konnte man das Schwein in seinem Koben beobachten. Man musste sich nur ein bisschen strecken, den Arm rechts auf die Mauer legen und dann verstohlen darüber blicken. Oft lag die Sau nur dick und fett auf Stroh, manchmal schaute sie hoch und grunzte. Wenn ein Schwein grunzt, dann kriegt man Angst. Also schnell den Kopf wieder weg.
Dem Klo schräg gegenüber kaute die Ziege Heu aus einer Krippe. Auch Ziegen sind nicht ungefährlich, sie bocken. Auch wenn diese in einem Gatter gefangen war, so wurde der Aufenthalt an jenem Stillen Örtchen doch möglichst kurz gehalten.
Der Stall hatte drei Türen. Eine kam von der Waschküche, die zweite daneben ging in den Garten und vom Klo aus links kam man wieder auf den Hof. Der Hof mit der starken, stattlichen Kastanie, von der im Herbst die Früchte auf das Pflaster prasselten. Der Hof, in dem die Miste dampfte und die Haustür sich zur kühlen, dunklen Diele öffnete. Der Hof, auf dem man abends auf einer Bank saß und auf die Dämmerung wartete. Oder auf unsere Tante Elly, die uns in die Küche einlud, wo Brot, Ziegenbutter, Schinken und meine heißgeliebte Harte Mettwurst zum Abendbrot riefen.