Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

1 2

Genji Monogatari - von Murasaki Shikibu

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 08.03.2022, 14:54 – geändert Dienstag 08.03.2022, 17:39

'Unter welchem Herrscher geschah es wohl?' beginnt eine faszinierende Reise durch Raum und Zeit ins alte Japan. Die Autorin der 'Geschichte vom Prinzen Genji', Murasaki Shibiku, war Hofdame der japanischen Kaiserin um das Jahr 1000 in Kyoto, der alten Kaiserstadt.

Auch lange davor, vor 2000 Jahren, gab es im alten Rom und Athen sehr gute Romanautoren wie Lukian, Apuleus, Petronius, Longos oder Heliodor etc, aber erst Shibiku's Werk gilt als erster 'psychologischer Roman' der Weltliteratur, der sich ohne weiteres auch mit neueren literarischen Klassikern wie Marcel Proust oder Virginia Woolf messen kann.

Trotz aller zeitlichen, örtlichen und kulturellen Distanz hatte ich stets das Gefühl, eine sehr moderne Autorin zu lesen. Sie verblüfft mit ihrer Bildung, Allgemeinwissen und grosser Belesenheit. Immer wieder werden Erzählungen, Geschichten und Verse zitiert wie aus altjapanischen und chinesischen Lyrik-Anthologien (die chinesische Sprache war im alten Japan gebräuchlich wie das Lateinische einst bei den Gebildeten in Europa). Diese alten Lyrik-Anthologien enthielten schon damals Zehntausende von Werken und sind leider kaum in westliche Sprachen übersetzt worden und zum Teil im Laufe der Zeit sogar verschollen. Kaum ein Brief im Roman kommt ohne Poesie aus und ist mit selbstverfassten Vers versehen. Zitiert eine Figur ein paar Worte aus irgendeinem Gedicht, so kann das Gegenüber in der Regel die Verse sofort erkennen und weitersprechen.

Poesie und Musik waren ein wesentlicher Bestandteil dieser adeligen Kultur. Jeder beherrschte mindestens ein Musikinstrument. Dichterwettstreite und Musikveranstaltungen gab es am laufenden Band. Shibiku berichtet sehr detailliert über all diese buddhistischen und shintoistichen Veranstaltungen und Feste. Buddhismus, Taoismus und die japanische Shinto-Religion führten ein tolerantes Leben nebeneinander.

Der Prinz Genji ist ein Sohn des Kaisers mit einer seiner Nebenfrauen. Durch sein schönes Äussere ist er zum Frauenhelden prädestiniert. Er führt das Leben eines asiatischen Don Juan, dem es ein Leichtes ist, durch seine adelige Stellung viele Frauen zu erobern. Aber als eine seiner Geliebten jung stirbt, verliert er nach und nach den Lebenswillen. Immer wieder ist Genji versucht, sich ganz von der Welt klösterlich zurückzuziehen. Schon vor 1000 Jahren kannten die Menschen das Gefühl der Endzeitstimmung. Shibiku beklagte: Was macht ein so schöner Mann in einer solchen Endzeit? Die geliebten Menschen um Genji herum sterben und die Schönheiten verblühen wie Blumen im Garten. Die Melancholie des Buddhismus über die Nichtigkeit des Daseins durchzieht das ganze Werk.

Die vollständige Ausgabe aus dem Original (ca. 1900 Seiten) übersetzt von Oscar Benl ist um ca. 600 Seiten länger als die Übertragung aus dem englischen von Arthur Waley und schildert nach dem Tod von Genji noch das Leben von Genjis Nachkommen.

Der Übersetzer Benl schrieb dazu: 'In diesem Werk haben sich die Japaner aller Epochen wiedererkannt. Vor seiner Schönheit beugten sich Ritter und Mönche, sein erlesener Geschmack wurde inmitten männlichen Ernstes und echtem Erlösungsstrebens Gegenstand der Sehnsucht und Verehrung. Je mehr die höfische Kultur ins Dunkel der Vergangenheit zurücksank, ihre Lebensformen und sogar ihre Sprache fremd und das Objekt wissenschaftlicher Bemühung wurden, desto leidenschaftlicher liebte man diesen Roman. Er ist Japans hervorragendster Beitrag zur Weltliteratur'.

Es gehört zu den Büchern, die mich in den letzten Jahren von der ersten bis zur letzten Seite faszinierten, wobei ich mich jetzt schon freue, es in baldiger Zukunft wieder zu lesen.

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Lesen > Forum > Genji Monogatari - von Murasaki Shikibu