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Was bedeutet es, eine Frau zu sein ?

Von Jungfrau75 23.06.2019, 17:01

(geschrieben 1988, nach meiner ersten Scheidung)

Was bedeutet es, eine Frau zu sein, heute ,in dieser Gesellschaft?
Ich glaube, dass man das als Mädchen noch nicht ermessen kann, und dass man zu schnell Frau wird, um zu entscheiden, ob man so sein will, wie man dann sein muss. Heiraten heißt, sich mit einem Mann zusammentun, ohne zu wissen, was er von dieser Rolle erwartet. Wer spricht denn schon vorher darüber ?
Michels Frage :"Willst Du sechs Kinder mit mir haben?" beinhaltete so viel mehr, wovon ich nichts wusste. Doch hätte ich sicher, verliebt, wie ich war, auch auf alle anderen Fragen mit "Ja!" geantwortet. Gab es eine Alternative ? Sicher hätte es sie gegeben! Was wollte ich eigentlich ? Ich wollte diesen Mann für mich gewinnen, und kein Preis war zu hoch. Ihn besitzen war als Ziel zu weit weg.
Als ich es erreicht hatte, kam ich da zum Nachdenken über mich und meine Rolle? Er wollte bestimmt eine Frau, die ihn verwöhnte, nichts vor ihm verborgen hielt, ganz für ihn da war. Wollen das nicht alle Männer ?
Ganz für einen Mann dasein, ist das die Rolle einer Frau ? Jedenfalls war es umgekehrt nicht der Fall und ich beanspruchte das auch nicht. Wofür war er da? Teilweise für mich, doch vor allem für seine Bücher, seine Träume, seine Gedanken. Welchen Teil davon habe ich kennengelernt, wieviel hat er preisgegeben ?
Ich wußte jedenfalls auch von seinen Ängsten, dass er nicht nur "groß" war und alles wußte.Doch so offen, wie er es von mir erwartete, war er mir gegenüber nie! Zuzugeben, dass er nicht stark war, war ihm unmöglich, da ich ja auf seine Stärke vertraute. Die Zukunft, erschien sie ihm bedrohlich, was fürchtete er? Ich erfuhr nicht, was er dachte, wenn er nicht schlafen konnte. Was trieb ihn aus dem Bett und an seine Bücher? Mit welchen Gedanken dachte er an seine anderen Freundinnen, hatte er sich wirklich von allen getrennt ?
Doch es soll um mich, um uns Frauen gehen! Ich befand mich in der "Frau und Mutter-Rolle", ehe ich Gelegenheit hatte, darüber nachzudenken. Es ging auch bei dieser Entscheidung nicht um mich, sondern um ihn.
Was wollte ich vorher?
Ich denke schon, dass ich studieren und etwas über das Leben erfahren wollte.
Wenn mir jemand "nur so" die Mutterrolle angeboten hätte, ich glaube nicht, dass ich dafür Begeisterung empfunden hätte. Denn eigentlich wollte ich so schnell weder Kinder noch Mann, höchstens der eigene Haushalt war wohl verlockend-selbstverständlich unter Michels Vorstellungen! War ich so ganz und gar blind, um nicht zu sehen, was da auf mich zukam?
Doch habe ich es immer angenommen und bis zum Schluß nicht aufbegehrt-trotz allem im festen Glauben, dass das nicht mein ganzer Lebensinhalt sein würde !
Mein Lebensinhalt, - nun, was sollte er denn sonst sein ? Irgendetwas, was meiner Intelligenz, meinen geistigen Fähigkeiten angemessen wäre!
"An der Seite eines berühmten Mannes als geschätzte Gefährtin, die nicht nur mitlebt, sondern mithilft, mitdenkt, mitredet, die in geistiger Hinsicht gefragt ist!"
Doch war ich das, getraute ich mir das zu? Anfangs schon, als wir ohne Kinder seine Geschichten gemeinsam durcharbeiteten, bis ihm meine Kritik wohl zu anstrengend wurde, bis durch die Kinder und den Beruf für mich ein neuer Lebensinhalt kam.

Und heute ? Ich möchte selbst geschätzt werden, als Gesprächspartnerin, als Selbstschaffende - was und wie, ist noch nicht ganz klar. Doch glaube ich, dass meine Fähigkeiten nicht zu weit reichen, allenfalls fürs Schreiben, und da ist die Konkurrenz sehr groß.
Was schreiben Frauen? In erster Linie "für Frauen" und Bewältigung eigener Erlebnisse. Nichts anderes habe ich jetzt vor, doch ist mir klar, dass ich erstmal nur für mich schreiben kann - und da ist noch die ganz wichtige Frage, was ich zu sagen habe? Soll es eine Warnung sein - vor der konservativen Ehe mit "Unterordnung"? Doch gerade die habe ich nicht erlebt! Meine Ehe war sicher das, was man eine "moderne Ehe" nennt - wozu in erster Linie ein partnerschaftliches Miteinander gehört!
War es das, trotz meiner Minderwertigkeitskomplexe, trotz des Gefühls, diesem Mann nie gewachsen sein zu können? Wie vielen Freunden schienen wir das ideale Ehepaar zu sein - waren das aber in erster Linie nicht Michels Vorstellungen? Die Art, wie er mir täglich meine Unfähigkeit vor Augen führte, wie er (fast) nichts gelten ließ, was ich machte? Meine ständige Angst vor seiner Kritik an allem ? Das war doch alles sehr viel schlimmer restriktiv, als wenn ein Mann seiner Frau vorschreibt, was sie zu machen hat. Insofern waren wir ein total konservatives Ehepaar, nur daß auch bei diesem die Frau einen gewissen "Herd und Heim"-Bonus hat, den ich nie hatte. Im Grunde war nichts "meine" Domäne, selbst die Kinder nicht - auch da versuchte er ständig, mir ein schlechtes Gewissen zu vermitteln, weil ich ja alles "so wenig ordentlich und ohne Liebe" machte !

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