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Selbstbetrachtungen - Marc Aurel

Von Feierabend-Mitglied 07.02.2021, 12:13


Diesen Artikel, den ich gekürzt kopiere, fand ich und es erscheint mir klug und wichtig, was Marc Aurel zu sagen hat.

Und zudem aktueller denn je!

«Grabe in deinem Inneren. In dir ist die Quelle des Guten, und sie kann immer wieder sprudeln, wenn du gräbst»
In der Philosophie fand Kaiser Marc Aurel Halt in einer von Krieg und Seuchen geprägten Welt

«Selbstbetrachtungen»


In den Jahren 172 bis 180 stand Rom im Krieg gegen verschiedene Germanenstämme. Und von 169 bis 190 wütete in der ganzen damals bekannten Welt in mehreren Wellen eine Seuche. Aufgrund einer genauen Beschreibung der Symptome und des Krankheitsverlaufs durch den berühmten kaiserlichen Hausarzt Galen wissen wir, dass es sich um eine Pockenpandemie gehandelt haben muss.

Damals starben die meisten der von ihr Befallenen. Ganze Landstriche wurden entvölkert.

Aus den «Selbstbetrachtungen» geht hervor, dass Marc Aurel Anhänger der stoischen Philosophie war, einer in Athen in der Mitte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts entstandenen Denkschule. Als Stoiker war er überzeugt, dass auch Pflanzen und Tiere eine Seele haben. Doch allein den Menschen sei eine «denkende Seele» gegeben. Diese ermögliche ihnen, ein Staatswesen zu gründen. Auch das «leitende Organ», das die Stoiker im Gehirn vermuteten, sei allein den Menschen eigen.

Unermüdlich fordert Marc Aurel sich selber auf, von diesem Organ Gebrauch zu machen und die «denkende Seele» einzusetzen. Nur dann nämlich liessen sich die Menschen nicht von Zorn, Begierde, Angst und Schmerz fortreissen und letztlich zerstören. Immer wieder verweist er auf die Endlichkeit des Lebens und den untrennbar mit ihm verbundenen Tod.

Ein einziges Mal erwähnt er die gerade wütende Pest: «Die Verderbnis der Vernunft ist in einem viel höheren Masse eine Pest als irgendeine derart schlechte Mischung und Veränderung der uns umgebenden Luft.» .

Er wandte sich mit seinem Buch nicht an römische Zeitgenossen und auch an keine andere Leserschaft: Er richtete sich schreibend nur an sich selber, als eine Art geistige Übung und Selbsttherapie. Dadurch wird die Schrift zu einem einzigartigen Dokument, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Und immer bleibt der unerschütterliche Glaube spürbar, dass trotz allen Schrecken das Weltganze ein bestens geordneter Kosmos sei.

Ständiges Werden und Vergehen, Leben und Tod seien in ihm enthalten. Darum sollten sich die Menschen vor dem Ende des Lebens nicht fürchten. Er ermahnt sich selber: «Grabe in deinem Inneren. In dir ist die Quelle des Guten und sie kann immer wieder sprudeln, wenn du gräbst.» Hingegen werde zwangsläufig unglücklich, wer die «Regungen der eigenen Seele nicht aufmerksam verfolge».

Kritisch allerdings richtet sich Marc Aurel gegen das politische Establishment. Schon in frühester Jugend habe er gelernt, dass «die Adligen, die bei uns Patrizier heissen, meistens ziemlich lieblos und grausam sind». Und: «Die Ursache des Weltganzen ist ein reissender Strom. Wie nichtig sind doch diese politischen und, wie sie glauben, philosophisch handelnden Menschenkinder, lauter schleimige Kerle. Mensch, was nun?»

Auch das Anhäufen von Reichtum und Besitz aller Art erscheint ihm suspekt. Mit den Worten eines Komödiendichters mokiert er sich über Leute, die nicht genug Besitz an sich raffen könnten und vor lauter Überfluss nicht wüssten, «wohin sie scheissen sollen».

Doch wie ein roter Faden führt durch die ganze Schrift die Aufforderung an sich selber und andere, die Menschen zu lieben, wie sie halt sind, und mit ihnen solidarisch zu sein. Ja, selbst «die Einfaltspinsel, die ihre Meinung äussern, bevor sie nachdenken», sollen in dieser Liebe eingeschlossen sein.


Dieser Artikel wurde geschrieben von:

Renata Egli-Gerber ist Altphilologin und lebt in Kreuzlingen.

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