Belarus Proteste
Von ehemaliges Mitglied Montag 02.08.2021, 15:08
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Warum seht ihr uns nicht ?
Die belarussische Opposition wird im Wesentlichen von Frauen angetrieben. Sie erhalten erstaunlich wenig Unterstützung von westlichen Feministinnen (von Alice Bota) DIE ZEIT Nr. 31
Bis zum Zerfall der Sowjetunion blieb der Osten ein monolithischer Block, gleichgesetzt mit Russland. Das trug zur intellektuellen Trägheit in Deutschland angesichts des Östlichen bei, die sich bis heute hält.
Den Namen der Kiewer Schlucht Babyn Jar sucht man in deutschen Schulbüchern vergeblich. Dort haben die Deutschen 1941 an zwei Septembertagen 33.771 Juden und Jüdinnen aus der Ukraine getötet. Der Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht durch Belarus hat eine Leerstelle im deutschen Allgemeinwissen hinterlassen, Bis heute hat sich nicht durchgesetzt, dass nicht "Russland" 27 Millionen Tote während des Zweiten Weltkrieges zu beklagen hatte, sondern die gesamte Sowjetunion - allen voran die heutige Ukraine und Belarus. Der deutsche Osteuropa-Historiker Felix Ackermann vermutet hinter der historischen Blindheit für den Osten, dass die Deutschen ihre Großväter nie gefragt haben, wo sie im Krieg waren und was sie getan haben. Der Erinnerungsraum zwischen Berlin und Moskau wurde unter dem Begriff "Russlandfeldzug" begraben.
Die Aufteilung der Welt in Blöcke, in Ost und West, hatte ganze Arbeit geleistet.
Ich glaube, dass Belarus heute kein weißer Fleck mehr auf der Landkarte ist. Als ich im Sommer 2020 über die Ereignisse in Belarus berichtete, schrieben mir Leser, dass sie spenden wollen oder sich noch mehr Berichterstattungen wünschten. Noch vor zehn Jahren hätte es dieses Interesse, diese Empathie nicht gegeben übrigens auch nicht in den Redaktionen. Die Frauen in Belarus haben durch ihren Protest das Ferne und Fremdartige näher geholt. Sie wurden zu globalen Mittlerinnen , denn die Bilder von ihrem Protest brachten einen komplexen politischen Prozess auf den Punkt : dort der Diktator und seine prügelnden Männer in Schwarz, hier friedlich protestierende Frauen in Weiß. Totalitärer Machthunger stand gegen bescheiden anmutende Wünsche : eine faire Wahl, die Freilassung aller politischen Gefangenen , ein Ende der Gewalt.
Die Emma Herausgeberin Alice Schwarzer hatte es sich schließlich nach der russischen Krim-Annexion 2014 nicht nehmen lassen, ihr Verständnis für Wladimir Putin auszudrücken und den Westen in der historischen Schuld gegenüber Russland zu sehen. Im Jahr 2020, da Menschen in Belarus für Grundrechte und Würde in ihrem Land kämpfen, war indes kein Wort dazu von Schwarzer zu lesen – auch nicht zu der historischen Verantwortung Deutschlands gegenüber Belarus wegen des Vernichtungsfeldzugs im Zweiten Weltkrieg.
Auf Social-Media-Kanälen wie Twitter oder Instagram übten sich linke und feministische Publizistinnen in Zurückhaltung. Als in Polen Abtreibungen faktisch unmöglich gemacht wurden, und als George Floyd von einem rassistischen Polizisten getötet wurde, protestierten 15.000 Menschen in Berlin mit dabei antirassistische, liberale Feministinnen. Als jedoch kurz darauf Maria Kolesnikowa verschleppt wurde, geschah in Deutschland so gut wie nichts. Und das, obwohl Maria Kolesnikowa sich als Feministin sieht, lange in Deutschland gelebt hat und seither im Gefängnis sitzt.
Ohne die weltweite Aufmerksamkeit, ohne Solidarität ist der Kampf in Belarus verloren.
Überall auf der Welt prägen Frauen politische Prozesse – doch die Geschichte schreiben Männer.
Stark gekürzter Bericht DIE ZEIT Nr. 31