Denke ich an Deutschland in der Nacht...
Von ehemaliges Mitglied Samstag 07.01.2023, 13:50
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Denke ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht…
Dieses Zitat aus dem Gedicht von Heinrich Heine, dass er 1844 verfasste, stelle ich bewusst an den Anfang meiner eigenen Überlegungen über das was heute in unserem Land passiert und das mir ebenfalls immer wieder den Schlaf raubt.
Heine war nicht nur Lyriker und Schriftsteller er war auch Journalist. Ein Mann, der scharfe Kritik an den sozialen politischen Verhältnissen seiner Zeit übte und dadurch zum Hauptvertreter der Literatur des Vormärz wurde, Weswegen ihm die Obrigkeit in Deutschland mit strenger Zensur und Publikationsverbot belegte wurde und er ab 1831 im französischen Exil leben musste. Es würde mir sehr gefallen wenn wir auch heute solche geradlinigen und kritischen Geister in unserem Land hätten.
Man sagt, unser Parlament und die uns regierenden Politiker sind ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.
Auch ich bin dieser Meinung.
Es ist eine bekannte Tatsache dass jede Generation sich auf ihre eigene Weise verändert. Politisch notwendige Entscheidungen, wirtschaftliche Umbrüche und unvorhersehbare Ereignisse halten sie in Bewegung und bringen Veränderungen, auf die sie reagieren muss.
Unsere Gemeinschaft sich Gemeinschaft sich in einem ständigen Wandel. Neue Haltungen, politische Entscheidungen oder unvorhersehbare Katastrophen können Auslöser von Umgestaltungen sein. Die meisten Veränderungen in der Moderne waren davon getrieben, die aktuellen Verhältnisse entlang fundamentaler Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit zu verbessern.
Heute haben wir in Deutschland, das im Grundgesetz verankerte, Prinzip der Gewaltenteilung.
Die (gesetzgebende) Legislative, die (vollziehende) Exekutive und die (Recht sprechende) Judikative sollen sich gegenseitig kontrollieren und staatliche Macht begrenzen.
Der Bundestag ist die Legislative in Deutschland. Demgegenüber stehen die Bundesregierung als Exekutive und die Bundes- und Landesgerichte als Judikative.
In unserem demokratischen Rechtsstaat sollen alle 3 ihre Entscheidungen frei und ohne Einfluss von außen treffen können.
Als die 65 stimmberechtigten Mitglieder des parlamentarischen Rates am 1. September
1948 zusammenkamen um das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zu erarbeiten waren unter ihnen nur 4 Frauen – Elisabeth Selbert (SPD), Friederike Nadig (SPD), Helene Wessel (Zentrumspartei) und Helene Weber (CDU), die wirklich keinen leichten Stand hatten sich gegen die Phalanx ihrer männlichen Kollegen durchzusetzen.
Alle Beteiligten haben sich zwar große Mühe gegeben den damaligen 3 westlichen Besatzungsmächten eine demokratische Verfassung vorzulegen die für sie genehmigungsfähig war und letztendlich auch von allen deutschen Landtagen in den drei Westzonen mit Ausnahme des bayerischen angenommen wurden. Sie war aber dennoch nicht frei von alten Denkweisen und musste in den Jahren etliche Male angepasst werden.
Wir müssen bedenken, dass die Weimarer Republik (der 1. Versuch die Demokratie zu etablieren) nur 34 Jahre bestanden hat und somit kaum Zeit war in den Köpfen der Bürger ein Umdenken zu verursachen. Dass der 2. Weltkrieg und dessen Ende, mit alldem was Deutschlands zu verantworten hatte, ein absolutes Trauma in der Bevölkerung auslöste. Aber auch, das seit 1945 nicht nur in beiden Teilen unseres Landes eine gewaltige Aufbauarbeit geleistet worden ist. Das sich zu mindestens Westdeutschland, erfolgreich bemühte wieder Anerkennung und Respekt in der Welt zu erlangen. Was nicht zuletzt auf die Tatsache zurückzuführen ist das es in diesen Jahren gelang aus einem totalitären Unrechtsstaat einen demokratischen Rechtsstaat zu machen.
Es war nicht immer leicht denn die Menschen können sich nun mal nur langsam an etwas Neuem gewöhnen aber im Großen und Ganzen ist es wirklich großartig gelungen.
Inzwischen sollten wir uns aber einmal ernsthaft die Frage stellen ob das noch immer so ist.
Entscheiden unsere 3 staatlichen Gewalten noch immer in freier unbeeinflusster Meinungsbildung? Ist es noch immer so dass sich die Bürger darauf verlassen können das die Politik in Ihrem Sinne gemacht wird?
Oder vielleicht so, dass aus unserem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat inzwischen so etwas wie eine Bananenrepublik geworden ist? Ein Land in dem die Interessen einzelner Machtgruppen die Politik bestimmen? Gruppen, die es fertig brachten, unsere sowieso schon an realer Politik desinteressierte Bevölkerung nicht nur in Gleichgültigkeit gegenüber des realen Tagesgeschehens, sondern sogar in Verachtung gegenüber den Politikern zu versetzen.
Im Grunde genommen müssten wir Alten, die wir letztendlich das von mir hier beschriebene selber miterlebt haben, alle sehnsuchtsvoll in die Vergangenheit blicken. Das was uns heute tagtäglich begegnet müsste jeden von uns zur Verzweiflung bringen. Das ist aber nicht der Fall.
Ich weigere mich einfach zu glauben dass alle meine Zeitgenossen an Demenz leiden und somit vergessen haben, welche Werte einmal ihr eigenes Leben bestimmten.
Das junge Menschen kein Verständnis für Ereignisse haben die 60 oder 70 Jahre zurückliegen ist für mich absolut nachvollziehbar. Immerhin haben viele von ihnen die Zeit ohne Facebook, Twitter und Instagram oder weltweiter Internet Kommunikation, nicht persönlich kennengelernt. Aber das können wir Alten doch nun wirklich nicht von uns behaupten.
Wir haben doch noch weitestgehend gehaltvolles im Fernsehen angeboten bekommen. Hatten Freude an Quizsendungen schon deswegen, weil die gestellten Fragen anspruchsvoll waren. Damals hatten die meisten Quizteilnehmer ein breit gefächertes Allgemeinwissen.
Inzwischen ist die Aussage, das Fernsehen unser selbstständiges Denken verhindert, zur unumstößlichen Tatsache geworden. Es ist wirklich erschreckend wie tief das Niveau der Mehrheit unserer Gesellschaft inzwischen gesunken ist. Die moderne Kommunikation in den sogenannten “sozialen Netzwerken“ hat aus vielen in unserem Volk, dass einmal das der Dichter und Denker war, Menschen gemacht die kaum noch zusammen hängende Sätze formulieren können. Menschen, die verlernt haben sich wirklich auf eine Aufgabe zu konzentrieren.
Selbst sogenannten Experten, die sich im Fernsehen zu irgendwelchen Themen äußern, fällt nicht auf, dass sie ihre Sätze unvollständig artikulieren. Oder einen neuen anfangen, bevor sie begriffen haben dass der vorherige noch keinen Sinn ergibt.
Mich ängstig der Gedanke, was uns die Zukunft noch bringen wird.
Feldfrüchte
Sinnend geh ich durch den Garten,
still gedeiht er hinterm Haus;
Suppenkräuter, hundert Arten,
Bauernblumen, bunter Strauß.
Petersilie und Tomaten, eine Bohnengalerie.
Ganz besonders ist geraten der beliebte Sellerie.
Ja, und hier – ? Ein kleines Wieschen?
Da wächst in der Erde leis
das bescheidene Radieschen:
außen rot und innen weiß.
Sinnend geh ich durch den Garten
unsrer deutschen Politik;
Suppenkohl in allen Arten
im Kompost der Republik.
Bonzen, Brillen, Gehberockte, Parlamentsroutinendreh.
Ja, und hier]– ? Die ganz verbockte liebe, gute S. P. D.
Hermann Müller, Hilferlieschen
blühen so harmlos, doof und leis
wie bescheidene Radieschen:
außen rot und innen weiß.
Von Kurt Tucholsky
Am 21.9.1926 in der Wochenzeitschrift – Die Weltbühne – veröffentlicht.