Endspurt zur Wahl 2021 oder Ende eines Höhenflugs
Von ehemaliges Mitglied Montag 06.09.2021, 13:12
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Annalena Baerbock verliert sich im Kleingedruckten - damit fehlt ihr das, was die Grünen erst groß gemacht hat von Robert Pausch
Dabei gehört es zur Wahrheit, dass dieses neue grüne Selbstbild vor allem die Erfindung von Robert Habeck war. Schon als er noch ein Landespolitiker zwischen den Meeren war, hatte Habeck in Interviews und Büchern immer wieder seine Vision einer grünen Partei beschrieben, die sich von alten Ritualen verabschiede, die "nachdenklich statt großmäulig" spreche und sich zu einer "Volkspartei neuen Typs" entwickle. Sein Anspruch, "nicht für die Grünen, sondern für die Gesellschaft" zu sprechen (so die taz 2013 über Habeck) führte dazu, dass er als Parteichef zugleich erfolgreich und fehl am Platz war.
Bei Baerbock dagegen schwärmen Kollegen von ihrer Leidenschaft für Gremienarbeit. Vor ihrer Zeit als Parteichefin engagierte sie sich sogar als Vorsitzende der Antragskommission, ein Hardcore Parteiamt, allerdings auch eines, in dem man die grüne Seele besonders gut erforschen kann. Hier liegt die eigentliche Kongenialität des erfolgreichsten Spitzenduos der jüngeren deutschen Parteigeschichte: Habeck stand für die Ambition, Baerbock für die Integration. Habeck trieb die Grünen an, Baerbock war für die Partei die Rückversicherung, dass er es nicht weit trieb.
Dieser Rollenunterschied wurde von der Parteizentrale öffentlich jedoch gründlich eingeebnet.
Von Baerbock, weil sie sich mit der Rolle als Korrektiv verständlicherweise nicht zufriedengeben wollte. Von Habeck, weil alles andere kaum mit seinem Selbstbild als modernem Mann (und den Erwartungen seiner Partei) vereinbar gewesen wäre. Das Ende der Geschichte ist bekannt.
In dem Moment, in dem die Grünen sich ausdehnen müssten, schrumpfen sie zusammen. War die Kanzlerkandidatur am Ende doch ein Missverständnis ? Eine Überforderung für die Partei ?
Wenn Habeck der Kandidat gewesen wäre ? Der hätte die Detailversessenheit des Triell-Kartells vermutlich gesprengt, was eine große Chance gewesenwäre, aber auch ein großes Risiko.
Baerbock wird nun nicht mehr mit Robert Habeck verglichen, sondern mit Olaf Scholz und Armin Laschet. Annelena Baerbock trägt nicht mehr die Last von 28 Prozentpunkten auf den Schultern. Sie kann angreifen.
Stark gekürzter Auszug DIE ZEIT vom 02. September 2021