Kritischer Journalismus
Von ehemaliges Mitglied Montag 19.07.2021, 13:02
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Diese Faust traf nicht nur mich
"Du hörst mit dem Schreiben auf, du Mistkerl" schrie der Schläger. Wie ich als Journalist in Berlin angegriffen wurde von Erk Acarer
Es geht auf zehn Uhr abends zu, es ist schon recht dunkel. Da tauchen plötzlich drei Gestalten auf vor meiner Wohnung. Dann geht alles ganz schnell. Schon trifft mich ein Faustschlag. Mir ist, als greife der eine zur Pistole, doch meine Frau sagt später, sie habe ein Messer ausgemacht.
Als ich wieder zu mir komme, glaube ich erst, dies sei der einzige Schlag gewesen. Doch meine Frau sagt später, dass alle drei übe mich hergefallen seien. Meine Frau hat die Polizei gerufen. Jetzt lassen die Kerle von mir ab. Sie verschwinden in der Nacht.
Das habe ich dann auch der Polizei erzählt. Das ist kein Kriminalfall, es geht um Politik. Schließlich schreibe ich seit Jahren über die Verletzungen, die der türkischen Demokratie, den Grund- und Menschenrechten und dem Säkularismus zugefügt werden. Ich berichte über fanatische religiöse Orden, über die Feldzüge, welche die türkische Armee zusammen mit dschihadistischen Gruppen in nordsyrischen Städten unternommen hat. Und ich belege, was ich schreibe.
Ich glaube, deshalb bin ich angegriffen worden. Meine Artikel und Beiträge machen die Regierungspartei AKP und ihren nationalistischen Partner MHP nervös. Sie ärgern Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seinen Innenminister Süleyman Soylu, über den jetzt so viel in Sachen Korruption berichtet wird.
Es ist doch peinlich, wenn es heißt: " Deutschland vermochte es nicht, in seiner Hauptstadt einen in der Türkei bekannten Journalisten zu schützen".
Doch leider ist es so. Dabei geht es nicht um mich. Erdogan ist es gelungen, die Polarisierung, die er in der Türkei erzeugt hat, nach Europa zu exportieren, in die Länder, in denen Menschen aus der Türkei zu Hause sind.
Es gibt auch Berichte über die starke Präsenz und den großen Einfluss des türkischen Geheimdienstes in Deutschland. Er stellt die Verbindung zwischen türkischen Organisationen in Deutschland und der türkischen Regierung her.
Die deutsche Regierung schweigt zu alledem, um ihre Zusammenarbeit mit der Türkei in der Wirtschaft, beim Rüstungsexport und in der Flüchtlingsfrage nicht zu gefährden. Das ist wie eine Belohnung Erdogans.
Die Schläge galten nicht nur mir. Sie galten allen Journalisten, die ihre Arbeit, egal wo, als Beitrag zur Pressefreiheit und zur Demokratie verstehen.
Das Letzte, was ich den islamistischen und rechtsextremen Machthabern der AKP und der MHP sagen möchte, ist : "Jetzt nehme ich erst recht kein Blatt mehr vor den Mund".
Erik Acarer ist ein türkischer Journalist und lebt seit 2017 in Berlin. Im Jahr 2016 erhielt er für einen Text über die Religionsbehörde Diyaner den angesehenen Göktepe-Preis für kritischen Journalismus.
Gekürzter Auszug "Politik" DIE ZEIT" Nr. 29