Mal was wagen
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 12.08.2021, 11:16
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Was haben alle drei Kanzlerkandidaten gemeinsam ? Sie gefallen ihren Parteien besser als den Leuten. Das reicht nicht - von Robert Rausch
In der vergangenen Woche hat sich jene schweigende Mehrheit einmal zu Wort gemeldet, und zwar mit einem Schulterzucken. Auf die Frage, wenn von den drei Kandidaten sie am liebsten als nächsten Kanzler hätten, antworteten 45 Prozent mit "keinen davon". Diese Ratlosigkeit hat naturgemäß viele Gründe, ein wichtiger liegt allerdings in der unausgesprochenen Gemeinsamkeit der drei Kandidaten. Sie alle verlangen ihrer jeweiligen Partei nichts ab, sie muten ihr nichts zu. Mehr noch : Sie verkörpern auf sehr reibungsarme Weise die Milieus und Mentalitäten, die sie vertreten.
Der Olaf Scholz des Jahres 2021 - der von den dreien im Übrigen noch der Beliebteste ist - ist so gemäßigt ökologisch, moderat keynesianisch und behutsam reformistisch, wie es die SPD schon immer war.
Armin Laschet wiederum personifiziert auf fast schon beängstigend gekonnte Weise das christdemokratische Denken, das seine Richtung im Ausgleich findet, die Prinzipien im Proporz und sein Ziel im Machterhalt. Und Annalena Baerbock vertritt mittlerweile immer stärker je klassisch grüne Mischung aus Linksliberalität und identitäts-politischen Reformeifer, die sich zuletzt in der Forderung ausdrückte, Gesetzestexte künftiger gendern zu wollen (schade, dass die kein Mensch liest).
Söder und Habeck verfügen über ein intuitives Gespür für Mehrheiten.
Sie alle agieren so, wie man es von einem Sozialdemokraten, einem Unionspolitiker, einer Grünen erwartet, was für ihre Parteien durchaus behaglich ist, aber diesen Wahlkampf zugleich so funktionärshaft und scholzomatisch wirken lässt. So überzeugt man Überzeugte und motiviert bestenfalls jene, die dafür bezahlt werden. Energie entsteht in der Politik aber nur durch das Unerwartete. Und politische Führung beweist sich erst dadurch, dass jemand bereit ist, auch im Konflikt mit dem eigenen Lager zu agieren. Parteien repräsentieren, wie der Name schon sagt, bloß Teile der Gesellschaft. Mehrheiten findet man nur jenseits ihrer Grenzen, und wer in der Bevölkerung beliebt sein will, der ist es nur selten an der eigenen Basis.
An den Kanzlern kann man dieses Gesetz gut erkennen. Merkel, Schröder, Schmidt - sie alle waren für ihre Parteien echte Zumutungen, sie trafen (vom Nato-Doppelbeschluss bis zur Flüchtlingspolitik) Entscheidungen, die ihre eigenen Leute unter Stress setzten, doch erwarben sie sich im Rest der Gesellschaft gerade dadurch Respekt.
Robert Habeck wiederum hat seine Partei schon vor Jahren mit Debatten über ungrüne Begriffe wie Heimat und Patriotismus genervt und provozierend ergebnisoffen über Gentechnik geredet. Er hat die Grünen für ihr institutionalisierten Besserwissentum kritisiert und ihnen stattdessen Demut verordnet. Auch in diesen Tagen ist er derjenige, der die klarsten Worte für die Fehler der Grünen-Kampagne findet.
Söder und Habeck erzeugen durch ihren Widerspruch, ihr Drängen und Fordern jene Dynamik, die dem Wahlkampf derzeit fehlt.
Die beiden beliebtesten Politiker indes stehen nicht zur Wahl.
Stark gekürzter Auszug aus dem Artikel DIE ZEI Nr. 32 vom 5. August 2021