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Merkel und die Frauen

Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 12.08.2021, 11:11

Auszüge aus dem Artikel " Merkel und die Frauen " ZEIT MAGAZIN Nr. 32 vom 5.8.21

22. November 2005
202 Abgeordnet stimmten gegen Merkel, 397 für sie. Noch nie ist ein Kanzler mit so großer Zustimmung des Bundestags ins Amt gewählt worden. Noch nie war ein Kanzler bei seiner Wahl erst 51 Jahre. Noch nie war ein Kanzler eine Kanzlerin.
Sechzehn Jahre später hört Merkel auf. Viele fragen sich, was die nachfolgenden Generationen später über sie sagen werden : Die Frau, die Europa zusammengehalten hat ? Die Frau, die es gespalten hat ? Die Frau, unter deren Kanzlerschaft viel Wichtiges einfach liegen geblieben ist ?
Eines wird sie immer bleiben, ganz objektiv und unverrückbar: Die Erste ihrer Art. Die erste Frau, die es in Deutschland ganz an die Spitze geschafft hat. Und dann in Europa und als Weltstaatsfrau.
Ob sie es mitunter leichter habe, weil sie eine Frau sei, wurde Merkel im Laufe ihrer Karriere immer wieder gefragt. Sie antwortete dann mehr oder weniger trocken, das könne sie nicht sagen.
Die CDU hat lange mit Merkel gefremdelt - weiblich, ostdeutsch, evangelisch, Physikerin. Es war die Zeit, in der intelligente, ehrgeizige Frauen als "anstrengend" galten. Dass Frauen damals oft Familien- und Frauenpolitik machten, habe auch mit der Ausbildung zusammengehangen. Politikerinnen, die Mathematik oder Physik studiert hatten, gab es kaum.
Es war Merkels Fremdheit, die sie 1999 und die Jahre darauf zu einer Idealbesetzung für die Führung der CDU machte. Erschüttert durch die Spendenaffäre - die CDU und ihr ewiger Kanzler Helmut Kohl hatten jahrzehntelang ein System illegaler schwarzer Kassen unterhalten - sehnte sich die Partei nach jemandem, der anders war. So stieg Merkel von der Ministerin zur Generalsekretärin und dann zur Parteivorsitzenden auf.
Seit Merkel dürfen sich nun jedenfalls Menschen Chancen auf Erfolg ausrechnen, die nicht wichtiger erscheinen, als sie sind - im Gegenteil. Merkel ist die Schutzheilige der Unterschätzten, und zu dieser Gruppe zählen viele Frauen.
Merkel im Jahr 2009 : "Ich rate jeder Frau, die für die gleiche Arbeit weniger als ihr Kollege verdient, selbstbewusst zum Chef zu gehen und zu sagen : Da muss sich was ändern !"
2011 hatte sie sich gegen eine gesetzliche Frauenquote in Vorständen und Aufsichtsräten ausgesprochen, die ihre Arbeitsministerin von der Leyen vorgeschlagen hatte.
Merkel selbst sagte vorvergangene Woche zu ihrer Bilanz in Sachen Gleichstellung : "Das hatte ich mir 1990, als ich in die Politik ging, alles einfach vorgestellt, muss ich ganz ehrlich sagen".
Merkel machte nur so viel Frauenpolitik, wie sie jeder Mann wohl auch gemacht hätte.
Man sagt, Merkels Macht liege auch darin begründet, dass sie nie beleidigt ist. Denn wer beleidigt ist, ist in der Defensive.

In Merkels Fall wurde dann die schiere Dauer der Macht zu einer Machtressource. Je länger sie regierte, desto öfter war sie diejenige im Raum, die alle schon kannte und einschätzen konnte. Als Physikerin glaubt Merkel an Erhaltungssätze. In Politik übersetzt heißt das: Die Summe von Hoch und Tief, vom Erfolg und Niederlage, von Ge- und Misslingen bleibt unterm Strich gleich. Was hoch steigt, kommt irgendwann auch wieder runter.
Heute riskieren Parteien, die keine Frauen in ihren Reihen haben, eine ganze Menge, und Männer müssen zumindest den Anschein erwecken, als täten sie etwas für Frauen.
51 Prozent der Deutschen sind Frauen, aber nur 26 Prozent der CDU Mitglieder. Damit stellte Merkel zum 70. Geburtstag der Partei 2018 fest, genüge die Union den Ansprüchen einer Volkspartei nicht. Wurde die CDU zu Kohls Zeiten unterdurchschnittlich von jungen Frauen gewählt, ist es heute umgekehrt. Würden die Wählerinnen mit Merkel die CDU verlassen, wäre die Mehrheitsfähigkeit der Partei dahin.
Merkel war die Erste im Amt. Und sie wird die Erste sein, die nicht abgewählt wird, sondern einfach geht.

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