Respektvoll miteinander diskutieren
Von ehemaliges Mitglied Donnerstag 23.05.2024, 10:17
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Immer mal wieder habe ich über das Problem nachgedacht, wie ich mit polemischen Kommentaren, die oft wohl nur geschrieben werden, um anderen die eigene Überlegenheit vorzuführen, umgehen soll.
Von meinem Großvater, dem ich meine politisch demokratische Grundeinstellung verdanke, übernahm ich vor langer Zeit ein Dokument, das ich hier gerne zur Diskussion stellen möchte.
Es handelt sich dabei um 10 Regeln, die man beherrschen sollte, um in Diskussionen respektvoll mit seinen Mitmenschen umzugehen. Er lernte sein politisches Handwerk in der Kaiserzeit.
Und auch schon damals traf er immer wieder auf Menschen, deren Ansichten konträr zu seinen standen.
Weil das so war und auch heute so ist, hat er mir das Zitat von Rosa Luxemburg besonders ans Herz gelegt.
Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden.
Obwohl ich mir meist große Mühe gab, seinen Regeln zu folgen, muss ich gestehen, dass mir es manchmal nicht gelang ...
Hier sind also die 10 Regeln, die mir dabei halfen, auch mit politisch Andersdenkenden respektvoll umzugehen.
In diesen 10 Tipps geht es zwar um reale menschliche Diskussionen, aber sie sind dennoch auch in der virtuellen Welt anwendbar.
1.) Versuche wirklich zu verstehen
Höre aufmerksam zu, wenn Dein Gegenüber spricht, und versuche zu verstehen, worum es ihm im Kern geht. Fasse zusammen, was bei Dir angekommen ist. Du könnest zum Beispiel sagen: "Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann ist Ihre Sorge, dass …" oder "Ihr Punkt ist also, …" Nur so kannst Du sicherstellen, dass Du wirklich verstanden hast, was dem anderen wesentlich ist. In der Theorie der gewaltfreien Kommunikation nennt man dieses Vorgehen "aktives Zuhören".
2.) Bleibe immer beim Thema
Menschen neigen in Diskussionen dazu, an entscheidenden Stellen abrupt das Thema zu wechseln oder in schneller Abfolge verschiedene Meinungen zu äußern. Das führt dazu, dass Streitpunkte aus dem Blick geraten, bevor Du ihnen auf den Grund gehen konntest. Mache eine Gedankenspinnerei nicht mit. Moderiere das Gespräch und hake nach: "Das scheint mir ein neuer Punkt zu sein." Können Sie mir erst noch erklären, was Sie gemeint haben mit …"
3.) Stelle Deinem Gegenüber offene Fragen.
Du signalisierst damit den aufrichtigen Wunsch, die Position
Deines Gegenübers zu verstehen, und Du schaffst sowohl auf der Sach- als auch auf der Beziehungsebene eine gute Grundlage für die weitere Diskussion. Die wichtigste Frage für eine gelingende Debatte ist: "Warum glauben Sie, dass …?"
4.) Finde immer Gemeinsamkeiten
In jedem Gespräch und mit jedem Gegenüber lassen sich Gemeinsamkeiten finden. Mache deutlich, worin Du mit Deinem Gegenüber übereinstimmst. Du schaffst damit ein gutes Klima für die weitere Diskussion und findest heraus, an welchem Punkt Eure Auffassungen auseinandergehen. Womöglich liegen Deine Positionen weniger weit voneinander entfernt, als Du ursprünglich dachtest.
5.) Belehre Deine Gesprächspartner nicht!
Wer belehrt, demonstriert höhere Erkenntnis und ruft beim Gegenüber Abwehr hervor. Vermeide es, zu moralisieren. Frage lieber nach und stellen persönliche Bezüge her: "Ist es Ihnen selbst schon einmal widerfahren, dass …?"
6.) Begründe Deinen Standpunkt
Natürlich ist Dir Deine Meinung wichtig. Aber durch das bloße Aufeinanderprallen von Meinungen ist noch nichts gewonnen. Um miteinander ins Gespräch zu kommen, ist es entscheidend, warum Du dieser Meinung bist. Begründe also Deinen Standpunkt und laden Dein Gegenüber ein, das Gleiche zu tun. Bloße Meinungsbekundungen und Polarisierungen bringen ein Gespräch nicht weiter.
7.) Interpretiere immer wohlwollend
Stürze Dich nicht auf die offensichtlichen Schwächen in den Argumenten Deines Gegenübers. Versuchen dagegen, jedes Argument in seinem bestmöglichen Sinn zu interpretieren und auf die stärkste Version des Punktes einzugehen – selbst wenn Deine Gegenseite nicht in der Lage ist, das Argument in Perfektion zu entwickeln.
8.) Übe immer nur sachliche Kritik
Korrigiere vorsichtig formulierend falsche Informationen. Decke auf diese Weise voreilige Schlüsse und Pauschalisierungen auf. Weise so auch auf lückenhafte oder widersprüchliche Stellen in der Argumentation hin. Gehe mit Deiner Kritik jedoch sparsam um und vermeide, wenn möglich, offene Konfrontation.
9.) Deeskaliere, wenn notwendig
In Diskussionen kochen häufig Emotionen hoch. Achte immer darauf, dass Dein Gegenüber sein Gesicht nicht verliert, wenn Du Kritik übst. Bringe auch mal gelegentlich Witz oder Ironie ein und spreche Deine Gefühle und die des Gegenübers an. Sage z. B. so etwas wie "Ich merke, dass Sie/mich dieses Thema sehr wütend machen." Wichtig ist in jedem Fall: ruhig bleiben.
10.) Wechsele auch manchmal die Perspektive
Oft scheitern Diskussionen nicht nur an unterschiedlichen Meinungen, sondern an entgegengesetzten Wertvorstellungen. In solchen Fällen kann es helfen, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und zu überlegen, wie Du argumentieren könnest, wenn Du die Wertvorstellungen Deines Gegenübers zugrunde legst. Wenn Deinem Gesprächspartner der Schutz der Familie ein besonders hohes Gut ist, könnest Du versuchen, vor diesem Hintergrund für Deine eigene Position zu argumentieren. Wichtig ist dabei aber, authentisch zu bleiben und die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten.
Den eigenen Standpunkt sollte jeder unbedingt begründen. Die persönliche Meinung ist wichtig, aber zu viel davon schadet dem Gespräch. Es ist daher unerlässlich, Meinungen auch mit Fakten zu untermauern.
Auch extrem wichtig ist, beim Thema zu bleiben. Es wird vor allem dann gerne gewechselt, wenn es für einen der Diskutierenden eng wird. Wenn wir uns in unseren Diskussionspartner hineinversetzen, verstehen wir ihn besser und können so unsere Argumente optimieren, was deren Überzeugungskraft erhöht.
Angefangene Aussagen sollten immer beendet werden. Sonst geschieht es schnell, dass eine Diskussion aus dem Ruder läuft und im Streit endet.