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Streitfälle

Von ehemaliges Mitglied 26.09.2021, 11:50

Das ist eine Harakiri Strategie

Auszug Artikel chrismon 10.2021 von Lorenz J. Jarass (Er ist emeritierter Professor für Wirtschaftswissenschaften) Mit Carsten Siebels hat er jüngst eine Studie veröffentlicht, Titel " Netzentwicklungsplan Strom 2035 riskiert die sichere Stromversorgung Deutschlands"

Fast alle Parteien sind sich einig : Deutschland braucht neue Stromautobahnen. Aber stimmt das überhaupt ?
Sie heißen Südlink, Südostlink oder Ultranet: Der Bau von Stromautobahnen durch Deutschland gilt als Bedingung dafür, dass die Energiewende gelingt. Das Projekt wird teuer, laut Netzentwicklungsplan der Bundesnetzagentur ist mit mehr als 60 Milliarden Euro an Kosten zu rechnen. Gibt es Alternativen ? Ja, sagt Lorenz J. Jarass und warnt : Für eine gesicherte Stromversorgung mit erneuerbaren Energien sind keine neuen Leitungen erforderlich, sondern Reservekraftwerke.
chrismon : Fast alle Parteien wollen neue Stromleitungen. Bei so viel Einigkeit dürften viele Bürger denken : "Tja, muss dann wohl sein ..."
Lorenz J. Jarass : Man muss zwischen Übertragungs- und Verteilnetzen unterscheiden. Zu den Übertragungsnetzen gehören die sogenannten Stromautobahnen, die große Mengen an Energie über weite Strecken transportieren sollen - mit einer Spannung von 380 000 Volt. In den Verteilnetzen fließen weniger große Strommengen, sie versorgen einzelne Regionen mit Energie.
Warum brauchen wir Stromautobahnen ?
Im Norden wird viel Windenergie erzeugt, im Süden werden die Kernkraftwerke stillgelegt. Also muss der Strom aus dem Norden in den Süden - so lautet die Begründung.
Klingt logisch.
Aber diese Leitungen werden ausschließlich dazu dienen, Windstrom aus Leistungsspitzen nach Süd- und Südosteuropa zu exportieren. Also an sehr windreichen Tagen. Das lässt sich auf Basis der Ausbauziele für erneuerbare Energien ausrechnen, wie sie im Netzentwicklungsplan aufgeführt sind. Um Bayern und Baden-Württemberg mit Strom zu versorgen, ist dr Netzausbau nicht erforderlich. In Süddeutschland können wir auch dezentral mit Solarstrom arbeiten, überschüssige Energie aus dieser Quelle sollten wir in Batterien für die Nachtstunden speichern.
Warum hält man an einem so teuren Projekt fest ?
Das liegt an der Schwäche des Netzentwicklungsplanes. Dieser Plan behauptet, dass Leitungen gebaut werden, die wir auf jeden Fall brauchen, weil eines Tages in einer Region X die Stromenergie Y eingespeist werden soll. Aber diesem Plan liegt keinerlei Kosten-Nutzung-Überlegung zugrunde. Deshalb lassen sie kostengünstige Alternativen zum Aus- und Neubau der Netze unberücksichtigt.
Welche Alternativen sind das ?
Wir können aus überschüssiger Windenergie Wasserstoff produzieren, als Energiespeicher.
Was bedeutet das konkret ?
Es ist billiger, Wasserstoff an der Küste zu erzeugen, als Leitungen längs durch Deutschland zu bauen. Gleichstromleitungen für vier Gigawatt Übertragungsleistung kosten zehn Miiliarden Euro. Vier Gigawatt an Wasserstofferzeugung kosten vier Milliarden Euro. Das macht eine Ersparnis von sechs Milliarden Euro, und hier reden wir nur über eine Trasse.
Strom aus Wind und Sonne fließen nicht immer zuverlässig. Was hilft uns weiter ?
Der aktuelle Netzentwicklungsplan geht davon aus, dass im Jahr 2035 bei sehr geringer Wind- und Sonnen-Stromerzeugung - einer sogenannten Dunkelflaute - mit einem Leistungsdefizit von bis zu 40 000 Megawatt zu rechnen ist. Das ist gut ein Drittel der Jahreshöchstlast, die durch Importe gedeckt werden soll. Ich sehe darin eine Harakiri-Strategie, weil sie auf der Hoffnung basiert, dass im Ausland dann schon ausreichend sichere Kapazitäten installiert sein werden. Deutschland muss in der Lage sein, seinen Bedarf an Strom grundsätzlich immer selbst zu decken. Und das geht an Tagen mit Dunkelflaute - was im Winter häufiger passiert - nur mit Reservekraftwerken, die hochgefahren werden, wenn Solar- und Windstrom fehlen.
Müssten die Kraftwerke mit Wasserstoff betrieben werden ?
Wenn man 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren haben will, muss das so sein, ja.
Gegner, der großen Stromtrassen, darunter viele Bürgerinitiativen, warnen dass der teure Netzausbau den Weg offen halten solle für eine Renaissance der Atomkraft, ist das ein Verschwörungsglaube ?
Nein, die Überlegungen, Kernkraftwerke länger zu betreiben oder Atomenergie aus dem Ausland zu importieren, gibt es. Sie tauchen auch in Medien immer wieder auf, zuletzt häufiger. Umso wichtiger ist, in großem Umfang Reservekraftwerke zu bauen, damit diese Idee keine Legitimität hat. Denn bei einer deutschlandweiten längeren Dunkelflaute helfen neue Leitungen den Stromverbrauchern in Bayern gar nichts, es sei denn, man rechnet in großem Umfang mit dem Bau neuer Kernkraftwerke.
Fragen : Nils Husmann

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