Über die Pflicht politisch zu denken
Von ehemaliges Mitglied 04.02.2024, 11:05
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Zu meinem gestrigen Beitrag: Demokratie ist ein schützenswertes Gut, erhielt ich einen Kommentar, der mich sehr nachdenklich stimmte und den ich auf diese Weise beantworten möchte.
Demokratie ist die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss. Um mit ihr adäquat umgehen zu können braucht es politisches Denken und Bildung! Denn eine demokratische Gesellschaftsordnung ist auf demokratisch denkende und handelnde Menschen angewiesen.
Wie könnte es bei mir anders sein, um etwas deutlich zu machen, muss ich dabei auf geschichtliche Zusammenhänge zurückgreifen. Denn ich bin mir sicher, dass die meisten von uns nicht mehr alles von dem, was ich schreiben werde, aus dem eigenen Kopf abrufen können.
Also, los gehts:
Als wir Deutschen den von uns angezettelten Weltkrieg verloren hatten, haben die Alliierten Überlegungen angestellt, wie sie mit dem vom Nationalsozialismus infizierten Volk umgehen sollten. Die Teilung unseres Landes wurde schon 1943 in Teheran beschlossen.
Vom 4. bis zum 11. Februar 1945 fand auf Einladung von Stalin, mit Präsidenten Roosevelt und dem britischen Premierminister Churchill in dem Liwadija-Palast in Jalta auf der Halbinsel Krim die letzte von 3 Konferenzen vor Ende des Zweiten Weltkrieges statt.
Insgesamt waren ein geeigneter Umgang mit Deutschland und ein möglicher Zusammenschluss gegen das Kaiserreich Japan die Ziele der Konferenz. Für alle wichtig waren die Entnazifizierung Deutschlands und die schnelle Beendigung des Kriegs gegen unser Land. Diese Ziele waren überhaupt der Grund für diese Konferenz. Trotzdem hatten alle drei Beteiligten ihre eigenen Interessen, die sie verfolgten.
Die Rote Armee der Sowjetunion war zu der Zeit bereits weit in ehemals deutsches Territorium vorgedrungen. Sie hatten sogar schon militärische Stützpunkte westlich der Oder errichtet. Auch den Osten, Nordosten (die baltischen Länder) und Südosten Europas hatten die Sowjets schon unter ihrer Kontrolle. Stalin hatte dadurch Roosevelt und Churchill gegenüber einen großen Verhandlungsvorteil, da er die Kontrolle über einen großen Teil Europas hatte und damit Druck ausüben konnte, um seine eigenen Ziele voranzutreiben.
Stalin hatte die Absicht, sein Machtgebiet so weit wie möglich nach Westen zu verlagern und Regierungen einzusetzen, die in seinem Sinn agierten. Also setzte er in den von der Roten Armee besetzten Ländern Marionettenregierungen ein und zwang sie so, indirekter Bestandteil der Sowjetunion zu werden.
Bei uns in Deutschland teilten die 4 Siegermächte unser Land in 4 Zonen ein, die unter ihrer Verwaltung standen. Die Hauptstadt Berlin wurde ebenso in 4 Zonen geteilt, lag aber als Ganzes im Machtbereich der Sowjetunion.
Unter den Deutschen, die vor dem Krieg in die Sowjetunion gingen, um Russland bei dem Kampf gegen den Faschismus zu helfen, waren auch Menschen, die später als „die Gruppe Ulbricht“ bekannt wurden. Diese Gruppe wurde, noch während die Kämpfe um Berlin tobten, mit dem Auftrag in die ehemalige Reichshauptstadt geschickt, um nach Ende der Kämpfe einen sozialistischen Staat im Sinne Stalins aufzubauen.
Es ist nur zu natürlich, dass die Menschen in Ostdeutschland, nachdem sie die Schrecken dieser Vernichtungskämpfe überstanden hatten, freudig daran gingen, ein neues Deutschland aufzubauen. Aus der faschistischen Diktatur kommend, hatten sie wieder gelernt, ihren eigenen Kopf zu benutzen, um politisch zu denken. Viele, wenn nicht gar die meisten von ihnen, waren vom Sozialismus begeistert und einige sind sogar heute noch davon überzeugt, dass das falsche System abgeschafft wurde. Es wurde übrigens nicht vom Klassenfeind (der BRD) sondern vom eigenen Volk abgeschafft, was die letzte Sitzung der DDR-Volkskammer eindrucksvoll beweist.
Dass sich diese Tatsache nicht im Denken der Bürger der DDR verankerte, ist in erster Linie dem Wunschdenken und der Unwissenheit der Menschen zuzuschreiben. In 40 Jahren DDR hat die Staatsführung der Mehrheit ihrer Bevölkerung das Denken abgenommen, und als sie dann von einem Tag auf den anderen selbstverantwortlich handeln sollten, waren sie hilflos überfordert. Das aber haben sie nicht ihrem ehemaligen Staat oder sich selber angelastet, sie haben dafür einen Sündenbock gesucht und auch gefunden.
Der Kapitalismus hat sich die DDR einverleibt! Wir sind das Volk, wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, gehen wir zu ihr, war damit vergessen.
Die meisten Menschen, auch die in den alten Bundesländern haben sich, wenn auch durch unterschiedliche Faktoren das Denken abgewöhnt. Im Westen war es das Wirtschaftswunder und die satte Wirtschaftswundergesellschaft, die sich nicht mehr um politische Belange kümmerte, und im Osten dachte die immer Recht habende Partei für die Leute.
Aber was passiert, wenn die Mehrheit des Volkes nicht mehr politisch denkt?
Wir sehen es im überdeutlichen Maß, welche Macht die Gegner der Demokratie inzwischen erlangt haben.
Jetzt gehen hunderttausende auf die Straße, um gegen rechts zu demonstrieren, aber ob das wirklich einen Wandel bedeutet oder lediglich Ausdruck des Schwarmverhaltens der Menschen ist, muss sich erst noch erweisen. Denn es ist durchaus möglich, dass es ein Strohfeuer war. Die nächsten Landtagswahlen werden es und zeigen ...