Unsere Muttersprache
Von ehemaliges Mitglied Dienstag 27.08.2024, 10:35
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Worte vermitteln eine Botschaft - durch ihre Bedeutung, aber auch durch die Art und Weise, wie sie präsentiert werden, zum Beispiel durch ihre Reihenfolge im Satz oder durch das Verwenden eines bestimmten Wortes statt eines ähnlichen Begriffs. Selbst wenn man nichts sagt, übermittelt man damit oft eine Botschaft. Aber wie sehr kann der eigene Sprachgebrauch, inklusive der eigenen Wortwahl, andere beeinflussen?
Die extreme Reduzierung der politischen Sprache begann mit vollem Wumms unter der christlich demokratischen Bundeskanzlerin Angela Merkel, deren rhetorisches Repertoire sich letztlich auf den demobilisierenden Satz «Wir werden dafür eine gute Lösung finden» reduzieren ließ.
Sehe ich mir historische Aufnahmen an, in denen deutsche Politiker wie Willy Brandt, Franz Josef Strauss oder Helmut Schmidt zu Wort kommen, dann fällt mir immer auf, wie erwachsen diese Männer klangen. Sie beugten sich nicht zu ihrem Publikum hinunter: Sie sprachen zu mündigen Staatsbürgern.
Diesen Eindruck habe ich nicht unbedingt, wenn ich Vertretern der gegenwärtigen Politikergeneration zuhöre. Bei denen ist von «Wumms» und «Doppelwumms» die Rede, von «Gute Kita»- und von «Chancenermöglichung»-Gesetzen, vom «Ruckeln» in der Koalitionszusammenarbeit und von den «Fragen der Menschen», denen ganz furchtbar viel «erklärt» werden muss.
Allem Anschein nach sollen sich die Regierten nicht ihre Köpfe über Probleme zerbrechen, die die Regierenden schon für sie aus dem Weg räumen würden.
Nun ist endgültig Kindergartenniveau erreicht. Wenn ich in den Bundestagssitzungen so manchen Rednern zuhöre, fühle ich mich direkt an – Die Sendung mit der Maus erinnert .
Natürlich hatte das infantilisiere Sprechen neben der Entpolitisierung der Angesprochenen auch eine erklärbare Ursache.
Viele, der jetzt im Deutschen Bundestag sitzenden Abgeordneten, haben ihre ersten Erfahrungen in der von Helmut Kohl inszenierten „Spaßgesellschaft“ gemacht und benutzen die Sprache, die sie im täglichen Umgang mit ihrer WhatsApp gelernt haben.
Ich kann diesen Menschen doch nicht mal einen Vorwurf machen. Die Mehrheit unserer Gesellschaft kommuniziert ja ebenfalls auf Volksschule Sauerland Niveau. Diese Sprachreduktion, die auf jedes Alltagsbild, auf jedes Zitat aus Literatur oder Film verzichtet, ist von meinem Standpunkt aus kaum zu unterbieten.
Bundeskanzler Olaf Scholz schaffte es dennoch, und seine hermetische Sprechweise wirkt dabei noch unsympathisch, weil bei ihm ein latenter Unterton der Arroganz mitschwingt. Ich werde den Verdacht nicht los, dass Scholz eigentlich alle Gesprächspartner für weniger klug hält als sich selbst. Besonders deutlich wurde das wieder einmal bei der letzten Fragestunde im Bundestag, in der der Kanzler die Abgeordneten berichtigte, statt ihre Fragen zu beantworten.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat das auch in seinem ZDF-Sommerinterview in beeindruckender Weise vorgeführt. Auf die Frage, ob sich politisch Verantwortliche nicht für lebensgefährliche Versäumnisse im Vorfeld der Ahrtal-Flut entschuldigen müssten, erwiderte er, man habe doch so viel gelernt und vor allem verstanden, dass der Kampf gegen den Klimawandel notwendig sei. Ach so.
Es ist weit gekommen, wenn man sich in Deutschland nicht nur nach Brandt, Strauss oder Schmidt zurücksehnt. Sondern sogar nach jenem christlich demokratischen Kanzler, den Linke und Intellektuelle unablässig verspotteten.
Heute wäre man dankbar für die bildungsgesättigte Rhetorik eines Helmut Kohl.