Von den Deutschen lernen? Teil 1
Von ehemaliges Mitglied Samstag 21.09.2024, 13:21
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von ehemaliges Mitglied Samstag 21.09.2024, 13:21
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Mein heutiger Auszug aus bpb.de
Susan Neiman ist Professorin für Philosophie und Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Ich bewundere sie sehr wegen ihres analytischen Standes, und ich lege euch diesen Artikel besonders ans Herz, weil er für viele unter uns Licht in ihr Geschichtsbewusstsein bringen könnte.
"Ein Buch mit diesem Titel würde ich niemals lesen." Einige potenzielle deutsche Leser haben mir dies ins Gesicht gesagt, ohne zu fragen, was ich mit dem provokanten Titel "Von den Deutschen lernen" im Sinn hatte. Solche Menschen, ob sie sich "antideutsch" nennen oder nicht, sind von vornherein überzeugt, dass es nichts, aber auch gar nichts von den Deutschen zu lernen gebe. Im Gegenteil: Deutsche Geschichte vor 1933 sei Vorgeschichte der NS-Herrschaft, und der Umgang mit dieser Herrschaft nach 1945 sei skandalös verlogen. – Solche Vorwürfe bestätigen meine Hauptthese, denn kein anderes Land der Welt würde ein Lob, und sei es auch so verhalten, sofort zurückweisen. Doch anstatt zu fragen, was hinter diesem Titel steckt, gingen viele davon aus, dass ich als gebürtige Amerikanerin unfähig sei, hinter den pietätvollen Beteuerungen von Schuld und Sühne den wahren Charakter der Deutschen zu erblicken. Sind Amerikaner nicht bekanntlich naiv?
Weit gefehlt. Wie alle Juden, die in Deutschland gelebt haben, könnte ich ein ganzes Buch mit den antisemitischen Erfahrungen füllen, die ich hierzulande gemacht habe. Solche Bücher kommen ja in Deutschland gut an. Dafür müsste ich nicht auf die Erfahrungen zurückgreifen, die ich in West-Berlin in den 1980er Jahren gemacht habe und die schließlich dazu führten, dass ich Ende 1988 zurück nach Amerika ging. Wie sollte ich Kinder in einem Land großziehen, wo mir eine Tagesmutter sagte: "Hätte ich gewusst, dass ihr Juden seid, hätte ich ihn nie genommen"? Die Frau war nicht besonders antisemitisch, nur besonders ehrlich. "Nicht, dass ich etwas gegen Juden habe", führte sie fort. "Schließlich könnt ihr nichts dafür. Aber ich hätte ihn nicht als normales Kind behandeln können. Jetzt, wo ich ihn kenne, ist er ein Kind wie jedes andere." Es fiel mir verdammt schwer, Berlin gegen New Haven zu tauschen, eine endlos faszinierende Großstadt gegen eine Kleinstadt, die neben einer bekannten Universität nur ein armes, verwüstetes schwarzes Ghetto zu bieten hatte. Doch wie sollte ich in einem Land bleiben, wo meine Kinder und ich ständig unsere Identität verstecken müssten?
Ein Jahrzehnt verging, ein Land wurde wiedervereinigt, eine Regierung gewechselt. Mit der rot-grünen Regierung hatte ich den Eindruck, dass die Deutschen, die es ernst mit der Vergangenheitsaufarbeitung meinten, nun an der Macht waren. Dazu kamen weitere eigene Erfahrungen: Nach Jahren als Philosophieprofessorin in New Haven und dann in Tel Aviv wurden mir die Nachteile des Lebens in anderen Ländern bewusster. Im Jahr 2000 nahm ich einen Ruf als Direktorin des Einstein Forums an.
Das hieß aber keineswegs, dass die antisemitischen Vorfälle aufhörten. Der erste fiel mir vor dem Unterzeichnen meines Arbeitsvertrags auf. Nun hatte ich Einsicht in die Akten des Instituts und war erschrocken, dass der Haushalt noch kleiner als erwartet war. Man hatte mir durchaus klargemacht, dass Fundraising zu meinen Aufgaben gehören würde. Doch wie sollte ich damit anfangen, wenn nicht einmal ein bescheidenes Spesenkonto vorhanden war, um potenzielle Spender zum Mittagessen einzuladen? "Sie sind Jüdin", erwiderte die Beamtin, eine Westdeutsche, die sich für Holocaust-Literatur interessierte. "Das werden Sie schon schaffen."
Ähnliche Bemerkungen kommen immer noch vor, und ich möchte nicht wissen, wie oft das Wort "Quotenjüdin" hinter meinem Rücken gefallen ist. Auch meine Versuche, selbstbewusst mit der Identität umzugehen, treffen auf Widerstand. Oft werde ich angefragt für Interviews zu Themen, wo das Jüdisch-Sein relevant ist; in solchen Fällen betone ich es.
"Als Jüdin glaube ich, dass … ."
"Wir wissen, dass Sie aus einer jüdischen Familie kommen", unterbrach mich neulich ein Journalist.
"Ich komme aus einer jüdischen Familie, und das heißt, dass ich Jüdin bin. Für Juden ist es kein Schimpfwort."
"Kein Schimpfwort, um Gotteswillen, aber ich weiß doch nicht, was Ihre religiösen Praktiken sind."
Meine religiösen Praktiken sind scheißegal. Spätestens seit 1935 ist bekannt, dass selbst getaufte Juden Juden bleiben. Das Judentum ist sowohl eine religiöse Gemeinschaft als auch ein Volk, dessen Geschichte dermaßen kompliziert ist, dass auch Juden seit Jahrhunderten darüber debattieren, was überhaupt jüdisch sei. Was es aber definitiv nicht ist: der unsichere, posttraumatische Umgang mit dem Thema, der zu hilflosen Ausdrücken wie "Mitbürger jüdischer Abstammung" oder "Mitmenschen jüdischen Glaubens" führt. Schon Albert Einstein hat sich über solche Euphemismen lustig gemacht. Das hat niemanden daran gehindert, ihn während des Einstein-Jahres 2005 so zu beschreiben; ein Jahr, für das man 20 Millionen Euro ausgab, um ihn zu ehren.
Mit sanften Formen des Antisemitismus lernt man umzugehen, zumal einige nicht wirklich antisemitische Vorurteile reproduzieren, sondern hilflose Unwissenheit ausdrücken. Die Unwissenheit über Juden ist nicht die gleiche, die man in Ländern – etwa Mozambik oder Peru – erlebt, wo nur wenige Juden leben. Denn die Deutschen wissen schon etwas über Juden, nämlich: Wir haben sie ermordet, auf schreckliche Weise. Dieses Wissen ist so schmerzhaft, dass es oft weitere Möglichkeiten, Wissen zu erlangen, blockiert. Das ganze Thema "Juden" ist mit Scham und Schuld verhaftet. Wen überrascht es, dass die Mehrheit der Deutschen keine Lust hat, sich weiter damit zu beschäftigen? Man hat die Lektion gelernt, kann die Namen der Hauptlager aufzählen, weiß von Krupp und anderen Großindustriellen, die von der Versklavung und dem Mord an den Juden profitierten. Muss man sich auch noch dazu mit real existierenden Juden auseinandersetzen?
Doch schlimmer als der Mangel an Wissen, der oft zur Bestätigung antisemitischer Klischees führt, sind härtere Formen des Antisemitismus. Dafür musste ich nicht auf Halle warten. Im eigenen Wohnhaus hatte ich einen oft alkoholisierten Nachbarn, der nachts gern rechten Rap spielte, antisemitische und rassistische Parolen schrie und oftmals versuchte, meine Tür einzuschlagen, nachdem ich mich über seinen Verhalten beschwert hatte.
"Das nächste Mal komme ich mit einer Kettensäge", brüllte er einmal. Daraufhin ließ ich eine Stahltür einbauen, denn die sympathischen Beamten der Neuköllner Polizei kamen immer, konnten aber nichts machen, bis nach drei Jahren die Zahl der Strafanzeigen den Staatsanwalt überzeugte, Anklage zu erheben.
Die Beispiele müssen reichen, um zu zeigen, dass mir die Unzulänglichkeiten der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung sehr wohl bekannt sind. Dennoch hindern mich zwei Gründe, in den Chor der Antideutschen einzustimmen oder die Arbeit der vergangenen Jahrzehnte für nutzlos zu erklären. Erstens: Ich bin alt genug, um Fortschritt zu sehen. Die Lage der Juden in Deutschland wie die Lage derjenigen, die einst "Ausländer" hießen, sind meilenweit entfernt von den Bedingungen, die in den 1980er Jahren herrschten, geschweige denn in den 1950er Jahren. Letztere habe ich zwar nicht miterlebt, aber wenn man liest, wie Remigranten und Nazis in der Bundesrepublik damals behandelt wurden, stehen einem die Haare zu Berge. Die Fortschritte zeigen sich in Gesetzen, in der Sprache, in dem Umgang mit Vielfalt. Reicht das? Natürlich nicht, wie die oben genannten Beispiele bezeugen. Aber niemand wird sich anstrengen, weitere Fortschritte zu machen, wenn man alle bisherigen kleinredet. Um den Antisemitismus und andere Formen des Rassismus zu bekämpfen, muss man anerkennen können, dass frühere Versuche, dies zu tun, nicht umsonst waren. So beurteile ich die heutige Vergangenheitsaufarbeitung aus einer zeitlichen Perspektive heraus und freue mich über jeden Fortschritt, auch wenn ich mich über die Unvollkommenheit ärgern kann. Noch dazu: Ich beurteile die Aufarbeitung im Vergleich zu dem, was in anderen Nationen passiert, und da fällt mein Urteil deutlich aus. Kein Land der Welt hat sich den Verbrechen seiner Geschichte auch nur annähernd so gestellt wie Deutschland. Das ist der Hauptgrund, warum ich "Von den Deutschen lernen" geschrieben habe.
Normal ist es, die eigenen Vorfahren als Helden zu betrachten. Wenn das unmöglich wird, sehen wir unsere Vorfahren als Opfer, was gleich suggeriert: Sie wären wohl Helden gewesen, wenn die Geschichte es erlaubt hätte; leider haben die Umstände sie zu Opfern gemacht. So dachte die Mehrheit der Deutschen nach 1945, so denkt die Mehrheit der Nachfahren der Konföderierten im Süden der USA bis heute. Wenn auch widerwillig und langsam, so haben die Deutschen doch eine andere Haltung angenommen: die des Täters. Zusammengefasst in Richard von Weizsäckers Rede von 1985 hieß es: Wir haben zwar gelitten, aber andere haben noch mehr gelitten, und ihr Leid ist unsere Schuld. Die Transformation des Selbstbilds von Helden zu Opfern zu Tätern ist bis heute historisch einmalig.
Die Schuld war doch auch historisch einmalig? Zur Frage der Singularität des Holocausts gibt es eine lang andauernde Debatte, die nun wieder aufgeflammt ist. Darüber habe ich schon anderswo viel geschrieben. Was den meisten Deutschen unbekannt ist: Diese Debatte gibt es auch unter Juden. Diejenigen, die die Singularität des Holocausts infrage stellen, sind keineswegs Antisemiten oder Menschen, die versuchen, die Verantwortung für den Holocaust zu mindern, weil andere Nationen ja auch Völkermord begingen. Das waren die Motive derjenigen, wie Ernst Nolte und Andreas Hillgruber, die den ersten Historikerstreit begannen. Universalistische Juden wie ich wollen den Holocaust nicht relativieren, sondern Verantwortung auch für das Leid von anderen übernehmen.
Teil 1 9886 Zeichen