Von den Deutschen lernen? Teil 2
Von ehemaliges Mitglied Samstag 21.09.2024, 13:19
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Mein heutiger Auszug aus bpb.de
Aber es hat so lange gedauert, bis Deutsche Verantwortung für den Holocaust übernahmen! In der Tat. Und die wichtigste Lektion, die andere aus der deutschen Erfahrung lernen können, ist eben dies: Vergangenheitsaufarbeitung ist schwer. Aber es hat so lange gedauert, bis Deutsche Verantwortung für den Holocaust übernahmen! In der Tat. Und die wichtigste Lektion, die andere aus der deutschen Erfahrung lernen können, ist eben dies: Vergangenheitsaufarbeitung ist schwer. Kein Mensch will seine Vorfahren als Täter sehen. Und wenn ein Teil einer Nation darauf besteht, dass sich die Nation zu ihren Verbrechen bekennt, wird es Widerstand geben. "Nestbeschmutzer" wird der mildeste Vorwurf sein.
Als "Von den Deutschen lernen" 2019 auf Englisch erschien, waren nur 19 Prozent der Briten der Meinung, es gebe irgendetwas an dem Imperialismus ihrer Vorväter, wofür sie sich schämen sollten. Die Lage in den Vereinigten Staaten war noch schlimmer. Da werden schwarze Bürger regelmäßig ermordet von Männern, die die Fahnen der Konföderierten schwenkten – Fahnen, die auch während des Angriffs auf das Kapitol am 6. Januar 2021 zu sehen waren. Für Europäer, die amerikanische Nachrichten nicht im Original verfolgen, ist es schwer zu glauben und dennoch wahr: Es droht ein neuer Bürgerkrieg, weil der erste nie aufgearbeitet wurde. Nachfahren der Menschen, die für die Erhaltung der Sklaverei kämpften, behaupten bis heute, im Krieg sei es nicht um die Versklavung der Schwarzen gegangen, sondern um die Freiheit der Weißen – auch wenn das einzige Recht der Weißen, das tangiert wurde, das angebliche Recht war, andere Menschen zu besitzen. Es sind die gleichen Leute, die während Obamas Amtszeit skandierten, dass das Weißes Haus weiß bleiben solle, und einen rassistischen Schurken als seinen Nachfolger wählten.
Derzeit gibt es noch keinen Bürgerkrieg, aber "Geschichtskriege", wie die Amerikaner sagen. Sie finden nicht nur in den Feuilletons, sondern auch auf parlamentarischer Ebene der Bundesstaaten statt, wo beispielsweise entschieden wird, ob Texte von Martin Luther King in Schulklassen gelesen werden dürfen. Denn viel zu spät, aber dafür umso entschlossener, hat 2015 eine amerikanische Vergangenheitsaufarbeitung begonnen.
Man kann den Beginn auf den 26. Juni 2015 datieren, als Präsident Obama eine Rede auf der Trauerfeier für die neun ermordeten Kirchgänger in Charleston hielt. Diese Rede, die eine Verbindungslinie zwischen der Gewalt der Gegenwart und der Verdrängung der Gewalt der Vergangenheit zieht, wird vermutlich so bedeutend für die amerikanische Geschichte werden wie die von Weizsäckers für die Deutschen. Weder durch Weizsäckers Rede noch durch Obamas Rede wurde ein nationaler Konsens hergestellt, wie mit der Vergangenheit umgegangen werden sollte. So wie es auch zehn Jahre nach Weizsäckers Rede heftige Widerstände gegen die Wehrmachtsausstellung gab, gibt es Widerstände gegen die Versuche, die amerikanische Geschichte aufzuarbeiten. Man kann nur hoffen, dass die meisten davon gewaltfrei bleiben.
Als ich 2016 in den tiefen Süden ging, um die aufkeimende Aufarbeitung dort zu studieren, fühlten sich weiße Amerikaner von dem Gedanken provoziert, sie hätten irgendetwas von den Deutschen zu lernen. Kein Schwarzer fand den Vergleich problematisch. 2019 machte ich eine lange Lesereise quer durch die USA. Nach drei Jahren Trump war es auch weißen Zuhörern klar, dass die amerikanische Vergangenheit dringend aufgearbeitet werden muss. Auffallend war – vor allem nach der Ermordung von George Floyd – dass viele Holocaust-Museen und -Forschungszentren hören wollten, was sie aus der deutschen Erfahrung lernen könnten. Der Drang nach Solidarität war viel stärker als der Impuls, die Singularität des Holocausts zu behaupten.
Denn auch wenn der Begriff des Literaturwissenschaftlers Michael Rothbergs "multidirektionale Erinnerung" nur einigen Forschern bekannt war, gibt es diese Erfahrung seit den Sklavenzeiten. Versklavte Afrikaner schöpften Hoffnung aus biblischen Geschichten der Hebräer, die Sklaven in Ägypten waren. Die Gospel-Lieder, die diese Hoffnungen reflektieren, werden heute noch gesungen. Nach dem Bürgerkrieg etablierten jüdische Unternehmer Tausende von Schulen für die befreiten Afrikaner, denen Lesen und Schreiben während der Sklavenzeit verboten war. In den 1930er Jahren berichteten afroamerikanische Zeitungen von der Verfolgung der Juden in Deutschland und zogen Parallelen zu der eigenen Erfahrung. Viele Professoren, die aus Deutschland und Österreich emigrieren mussten, fanden Stellen an schwarzen Colleges. Albert Einstein war nur der bekannteste Emigrant, der sich, kaum den Nazis entronnen, stark für die Bürgerrechtsbewegung engagierte. Obwohl sie nur zwei Prozent der Bevölkerung stellten, machten Juden 30 Prozent aller Weißen aus, die in den 1960er Jahren im tiefen Süden für die Bürgerrechte der Schwarzen kämpften, als solches Engagement oft tödlich war.
Während der späten 1960er Jahre sind Spannungen zwischen beiden Gruppen entstanden, die bis heute nachhallen; beide Gruppen hatten Anteil daran. Dennoch sind die geteilten Erinnerungen nie verschwunden. Sie waren nicht zu übersehen, als bei den Senatswahlen in Georgia im Januar 2021 ein jüdischer und ein schwarzer Kandidat zum ersten Mal in der Geschichte dieses Südstaats eine Wahl gewonnen haben. Sie traten zusammen auf, und ihre Wahlreden haben die lange Geschichte der Solidarität zwischen Schwarzen und Juden beschworen. In Georgia wissen noch die meisten, dass der Ku-Klux-Klan Menschen aus beiden ethnischen Gruppen gelyncht hat. So haben Raphael Warnock und Jon Ossof – jedenfalls vorläufig – Bidens Chancen auf eine erfolgreiche Amtszeit gesichert. Für Amerikaner ist der Holocaust der Inbegriff des Bösen. Das hindert sie aber nicht daran, diesen zusammen mit anderen Verbrechen anzuerkennen. Von Paul Robeson über Bob Dylan zu Toni Morrison gehört es zur amerikanischen Kultur, diese geteilten Erinnerungen wachzuhalten.
Selbstverständlich gibt es Unterschiede zwischen der Verfolgung der Juden und der Verfolgung der Schwarzen. Die Vorurteile gegenüber beiden Gruppen sind höchst unterschiedlich, und die Abneigungen gegenüber Asiaten oder indigenen Völkern sind wiederum anders. Methoden von Verfolgung und Mord variieren je nach Kultur und Zeitalter. Solche Unterschiede können von Historikern, Anthropologen und Soziologen endlos untersucht werden. Moralisch gesehen sind aber solche Unterschiede belanglos. Wird ein Mensch wegen seiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe verfolgt, ist es Rassismus, der bekämpft werden soll. Die Intensität, mit der einige Forscher heute die Singularitätsthese verteidigen, ist verwunderlich.
Es verwundert umso mehr, wenn man sich an einen der größten Fehler der deutschen Vergangenheitsaufarbeitung erinnert: das Ausblenden des Antifaschismus der DDR nach der "Wende". Mehr noch: Der nach dem ersten Historikerstreit etablierte Konsens, dass der Holocaust nicht einmal mit Stalins Verbrechen verglichen werden darf, wurde vollkommen vergessen. In vielen Orten wurden die Wörter "die zwei deutschen Diktaturen" buchstäblich in Stein gemeißelt. Erst seit es nicht mehr um Kommunisten, sondern um people of color geht, haben die Deutschen die Singularität des Holocaust wiederentdeckt.
Dabei habe ich in "Von den Deutschen lernen" gezeigt, dass die DDR der Bundesrepublik in vielem voraus war, was die Anerkennung und Ahndung von Nazi-Verbrechen betrifft. Natürlich war der dortige Antifaschismus oftmals instrumentalisiert, um Unterdrückung in der DDR zu rechtfertigen. Und dennoch war die Botschaft "Die Nazis waren Verbrecher und der 8. Mai war eine Befreiung" nur in einem deutschen Staat zu vernehmen – was noch wichtiger ist als die Zahlen, die zu belegen scheinen, dass in der DDR mehr Nazis verklagt, verurteilt und aus Ämtern entfernt worden sind als in der Bundesrepublik. Es ist eine Schande, dass es bis heute keine gesamtdeutsche Erinnerungskultur gibt: Ostdeutsche haben vollkommen andere Wahrnehmungen in der Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus als Westdeutsche.
Dies ist nicht nur von historischer Bedeutung. Der Antifaschismus der DDR hat nie auf der Singularität des Holocausts bestanden. Stattdessen wurde beispielweise auch der 14 Millionen ermordeten slawischen Zivilisten gedacht. Infolgedessen wurde das Gedenken manchmal als antisemitisch zurückgewiesen. Gerade als Jüdin ist mir dieser Vorwurf fremd. Historiker können Unterschiede zwischen dem Mord an den Juden und dem Mord an anderen Völkern aufzählen. Doch wie schon in meinem Buch "Das Böse denken" argumentiert, gibt es keine festen Kriterien, um Verbrechen zu vergleichen. Als Toni Morrison ihren Roman über die Sklavenzeit "den 60 Millionen und mehr" widmete, wollte die Nobelpreisträgerin darauf hinweisen, dass mehr Afrikaner durch die Sklavenzeit ihr Leben verloren als Juden im Holocaust. Aber auch Zahlen begründen keine eindeutigen Urteile.
Wenn wir über die Zulässigkeit des Vergleichens reden, müssen wir auch fragen: Wozu wird verglichen? Beim Historikerstreit war es klar: Nolte und seine Mitstreiter suchten Entlastung. Schon vor dem Krieg gehörte diese Strategie zum Nazi-Repertoire. Hitler führte den amerikanischen Raubmord an den indigenen Völkern ins Feld, um seinen Drang nach Osten zu rechtfertigen. Carl Schmitt hat 1942 den britischen Imperialismus nicht deshalb angeprangert, um zum Helden der Antikolonialisten zu werden; mitten im Ostfeldzug wollte er argumentieren, dass Deutschlands Gegner auch nicht besser seien. Die Kinder der Nazis und ihrer Mitläufer mussten nicht erst Schmitt oder Nolte lesen, um diese Abwehrgeste zu verabscheuen. Sie haben erlebt, wie die Vergleiche ihrer Eltern immer dazu dienten, deutsche Schuld zu verkleinern. Aus diesen Gründen ist die Singularitätsthese entstanden.