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Worthülsen in politischen Reden

Von ehemaliges Mitglied 15.06.2025, 13:26

„Das mangelnde Vertrauen der Menschen in die Politiker hat eine Ursache, und ich glaube, dass die Sprache der Politik eine der zentralen Ursachen ist.“



„Eine wesentliche Aufgabe des Politikers ist ja, nicht zu verwalten, dafür gibt's Beamte, sondern zu vermitteln, was man will und warum man etwas macht. Darum ist die Sprache der Politik das Handwerkszeug. Reden, ohne etwas zu sagen: Kaum eine Berufsgruppe hat das so perfektioniert wie unsere Politiker. Oder etwas so auszudrücken, dass es nicht verstanden wird – beziehungsweise nicht verstanden werden kann oder soll. Ich bin mir sicher, dass dahinter ein System steckt!

„Wir wollen, so sagt es der Koalitionsvertrag, Deutschlands Zukunft gestalten. „Und wir wollen Europas Zukunft mitgestalten.“

„Meine Damen und Herren, wir brauchen substanzielle Reformen zur Stabilisierung der Eurozone, nicht nur weil wir der größte Garantiegeber sind, sondern weil der Euro eine identitätsstiftende Wirkung hat.“

„Es sind große Aufgaben im Land und große Aufgaben in der Welt.“

„Franz Josef Strauß hat einmal gesagt: Dankbar rückwärts, mutig vorwärts, gläubig aufwärts.“

Schiefe Metaphern, Sprechblasen und Worthülsen – es scheint, als sei die Sprache der Politik Ausdruck eines tief sitzenden Widerspruchs: Einerseits sollen Politikerworte die Menschen erreichen, sie möglicherweise von einer Idee, einem Programm überzeugen, wenn nicht gar begeistern, auf der anderen Seite kommen im politischen Tagesgeschäft oft verbale Mittel zum Einsatz, die genau das verhindern.

„Wenn die Grenze zwischen innen und außen verschwimmt, dann muss man aufpassen, dass damit nicht auch der Parlamentarismus weggespült wird, sondern im Gegenteil, ich weiß, die Parlamentarier müssen die Fährleute zwischen den beiden Ufern von innen und außen sein.

Klarheit ist in der politischen Rhetorik ebenso Mangelware wie Unverwechselbarkeit. Offenbar greifen Politiker über Lagergrenzen hinweg in den gleichen Textbaukasten, um ihre umständlichen Satzgebilde zu errichten. Warum, frage ich mich, können Politiker nicht einfach mal irgendwas tun, sondern müssen immerzu gestalten, womöglich sogar Dinge, die es noch gar nicht gibt – Zukunft zum Beispiel? Und warum können sie nicht einfach mal traurig sein, wenn etwas Schlimmes passiert ist, sondern sind stets nur „betroffen“?

„Noch schlimmer ist, wenn Sie sagen: Das macht mich ein Stück weit betroffen. „Das wäre sozusagen die Spitze des Politikerdeutschs.“

Und täglich grüßt das Phrasenschwein

– wenn es darum geht, mit vielen Worten nichts zu sagen, haben es viele Politiker zur Meisterschaft gebracht.
Sprache als Handwerkszeug der Politik

Werfen wir doch einmal einen Blick auf ein tatsächlich stattgefundenes Unglückszenario:

Aufgrund eines Statistikfehlers ist in einer deutschen Kleinstadt eine Fußgängerbrücke eingestürzt. Es gibt viele Verletzte. Der Bürgermeister der Stadt bekundet seine Betroffenheit:

„Unsere Gedanken sind bei den Opfern und deren Angehörigen. Jetzt gilt es, schnell und unbürokratisch zu helfen (das muss ich doch schon irgendwann einmal gehört haben).“

Der örtliche Baudezernent erklärt: ‚Ein Aufsichtsversagen der genehmigenden Behörde liegt nicht vor. Demgegenüber betont der Finanzdezernent: Die Finanzaufsicht habe alle Beteiligten rechtzeitig auf Probleme bei der Vergabe der Brückenbauarbeiten hingewiesen.

Die Lokalzeitung kritisiert, dass noch kein Schuldiger für das Unglück gefunden sei. Daraufhin der Bürgermeister: „Nun gilt es, umfassend, ohne Ansehen der Personen, die Ursachen aufzuklären.“

„Meine Erfahrung ist, dass Politiker sich immer weniger als Politiker verstehen, als Ideengeber oder Anführer, sondern letztlich als oberste Instanz der Exekutive. Und die reden auch sehr exekutiv. Also es gilt in der Politik eigentlich als kompetent, wenn man ein besonderes Beamtendeutsch spricht. „Und das ist ein Rollenverständnis, das sich so eingebürgert hat, auch Kompetenz vorzugeben durch eine exekutive Sprache, das eigentlich mit der ursprünglichen Aufgabe des Politikers, Ideen zu geben, auch mal Ungewohntes zu tun, zu führen, gar nichts mehr unbedingt zu tun hat.“
„Drei Monate später: Die Brücke ist eine Ruine, Geld haben die Opfer noch nicht gesehen, (...) die Presse berichtet über den 500. Stadtgeburtstag. Die Bürger aber denken: Wir sind belogen worden. Beim Regieren und Verwalten geschehen Fehler, auch Unglücke – sie gehören zum Leben. Die Regierenden und Politiker finden jedoch nicht die richtigen Worte für diese Fehler und Unglücke. Sie benennen nicht, sie verbrämen; sie verklausulieren die Wahrheit im Wortschwall einer Insidersprache.“
„Sie scheinen zu denken, wenn ich gestanzte Formulierungen nehme, gehe ich kein Risiko ein. Es ist manchmal auch der Routine und der Schnelligkeit geschuldet, so zu formulieren, dass man weiß, man macht nichts falsch, das sagen schließlich alle. Auf der anderen Seite werden die so routiniert rausgehauen und man vergisst dabei, das nimmt keiner zur Kenntnis oder ist mit eine der Ursachen der mangelnden Glaubwürdigkeit.“
Warum benutzen Politiker oft so viele Worte, ohne etwas zu sagen? Warum weigern sie sich, konkret zu werden? Warum wählen sie von verschiedenen möglichen Formulierungen gerne die umständlichste? Ist es Unbeholfenheit, Ignoranz oder Desinteresse?
Dazu habe ich eine klare Meinung:
Politiker haben heutzutage keine Visionen, sie sind nur daran interessiert, den Status Quo zu erhalten. Und sind dann der Ansicht, dass die Politikverdrossenheit der Wähler absolut nichts mit Ihnen als Verursacher zu tun hat.
Rhetorik findet in den Medien und in der Öffentlichkeit kaum noch statt
„Und dementsprechend wird auch die Sprache angepasst.

Warum lesen die Menschen keine Wahlprogramme?

Die Erklärung ist nicht nur einfach, sie ist auch absolut nachvollziehbar. Wahlprogramme sind erstens 100/200 Seiten dick, und liest man sie dann, versteht man sie als normal denkender Mensch nicht. Ich bin inzwischen davon überzeugt, die Parteien möchten im Grunde nicht, dass sie verstanden werden.“
Rhetorik findet in den Medien und in der Öffentlichkeit auch kaum noch statt. Rhetorik ist ein Wettbewerb der Ideen, eine Diskussionskultur, in der nach Lösungen gesucht wird und in der es nicht in erster Linie darauf ankommt, den politischen Gegner zu diskreditieren.
„In den Talkshows geht es nur ums Gewinnen und Verlieren, nicht darum, mal einen gemeinsamen Standpunkt zu formulieren. „Deswegen bleibt ja der Zuschauer, mir geht es jedenfalls so, ständig meinungs- und ratlos zurück.“

„Ich denke, dass es nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen Menschen nicht gut ankommt, wenn jeder vor laufenden Kameras bemüht ist, nur seine eigene Meinung durchzudrücken. Ein solches Verhalten hat auch nichts mehr mit einer respektvollen gegenseitigen Kommunikation zu tun.

Fazit: Also sollten sich unsere Politiker endlich einmal die Frage stellen, was sie selbst dazu beitragen, wenn sich die Bürger von ihrer Politik abwenden…



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