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Glaube an Gott

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 02.08.2022, 08:15 – geändert Dienstag 02.08.2022, 08:19

Im Frühjahr 1920 antwortet Rilke einem jungen Mädchen, das sich in einem Brief an ihn gewandt hatte, auf deren Frage nach einem nur "geglaubten Gott":

Die landläufige Frage, „ob einer an Gott glaube“, scheint mir aus der falschen Voraussetzung hervorzugehen, als ob Gott auf dem Wege menschlicher Anstrengung überhaupt zu erreichen sei; denn immer mehr ist dem Begriff „Glauben“ die Bedeutung von etwas Mühsamem zugewachsen, ja sie hat gerade innerhalb des christlichen Bekenntnisses einen Grad angenommen, der befürchten ließe, dass eine Art Unlust zu Gott der ursprüngliche Zustand der Seele sei.
Nichts aber ist weniger zutreffend. Nehme jeder den Moment wahr, da der Verkehr mit Gott sich ihm in unbeschreiblicher Hinreißung eröffnet; oder knüpfe er an einen solchen oft unscheinbaren Augenblick an, da er zuerst, unabhängig von den Einflüssen seiner Umgebung, ja oft im Widerspruch zu ihr, von Gott ergriffen war.

Die meisten kommen nicht auf die Idee, es könnte sich da um ein religiöses Faktum handeln, eben weil sie schon dazu erzogen sind, religiöse Anstöße nur innerhalb der allgemeinen Vereinbarung zu empfangen, nicht dort, wo ihr Einsamstes und Eigenthümlichstes berührt ist.

Solche Augenblicke habe ich in der Natur oder bei einem Konzert erlebt, Augenblicke in denen ich die Nähe Gottes hautnah gespürt habe. Dabei hat mich eine unbeschreibliche Ergriffenheit, ja fast Erschütterung, erfaßt. Diese Augenblicke waren flüchtig, wie kurze Impulse, aber wunderbar.
Wie mag es den Menschen ergehen wenn Gott lt. seinem Versprechen einmal mitten unter den Menschen "wohnen" wird?


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