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Glauben und Zweifel

Von ehemaliges Mitglied Montag 05.04.2021, 14:08

Wie halten Sie es mit der Religion ?
Und wenn Sie nicht gläubig sind, was gibt Ihnen Halt ?

Lange dachte die moderne Gesellschaft, es geht auch ohne Religion. Doch in der Krise spüren viele : Etwas wie Gottvertrauen wäre jetzt gut.

Manchmal will ein Sterbender seinen Trost nicht und weist ihn aus dem Zimmer. Manchmal sagt ihm die Mutter eines todkranken Kindes, sie ertrage seinen Anblick nicht. Auch das gehört zum Alltag des Notfallseelsorgers. Wenn er gerufen wird, hat die Medizin kapituliert, das will nicht jeder wahrhaben - und sieht in ihn den Todesboten.
"Doch die meisten sind froh, dass ich komme. Das einer für sie hofft, wenn es nichts mehr zu hoffen gibt". Der Seelsorger ist Tröster von Beruf. Er bringt keine barmherzigen Lügen, sondern eine große Verheißung; das 2000 Jahre alte Versprechen, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
"Ich gehe nicht zu den Sterbenden, um sie zu missionieren" sagt er. Vielmehr orientiere er sich zum Apostel Paulus, der im Römerbrief die frühen Christen ermahnte, bei den Leidenden auszuharren.
"Ich lache mit den Lachenden und weine mit den Weinenden".

Kann ein Mensch ohne Glauben leben ? Die Frage steht im Raum, seit durch das Virus Tausende einsam sterben und Angehörige ohne Trost der Trauerrituale zurückbleiben.
Der Seelsorger sagt, das Trostbedürfnis sei gewaltig. Viele Patienten scheuten zwar "christlichen Hokuspokus", trotzdem seien sie froh, wenn er bei ihnen bleibe - mal schweigend, mal mit einem Psalm oder einem Sterbesegen. Oft schicken ihn Angehörige ans Sterbebett, weil sie es nicht mehr in die Klinik schaffen. "Einmal noch muss der Pfarrer da gewesen sein, als Mittler zwischen Himmel und Erde".
Es stimmt jedenfalls nicht, dass jeder fromm wird, wenn es ans Sterben geht. Und doch : Not lernt beten. So stiegen im März und April 2020 in Deutschland die Zugriffe auf Online-Gebete um 50 Prozent. Jetzt, ein Jahr später, schreit die ganze Gesellschaft nach Normalität. In Wahrheit vermissen die Leute wohl etwas, worauf sie ihre Hoffnung richten können.

Die Kirchenkrisen der letzten Jahre haben gezeigt: Der moderne Mensch braucht keinen Glauben, der ihn kleinmacht und seiner Freiheit beraubt. Die größere Krise der Pandemie aber offenbart; Es fehlt jetzt ein anderer Glaube, einer, der uns in der Gefahr trägt, erhebt, erleuchtet und leitet.

Dieser Glaube ist kein Für-wahr-Halten von Wundern. Er ist ein Vertrauen auf etwas, das größer ist als wir. Martin Luther sagte es vor 500 Jahren so : "Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist dein Gott". Luther meinte, jeder habe einen Gott (notfalls auch Götzen). Gott aber sei, worauf wir unser Leben gründen.

Die Krise bringt die Leute nicht zum Glauben. Aber in der Krise erlebt ein beachtlicher Teil der Gläubigen eine Stärkung ihres Glaubens.

Kann der Mensch ohne Glauben leben ? Nein ! Zwar sind wir heute imstande, Glauben und Wissen zu versöhnen. Doch die Reichweite unseres Wissens bleibt beschränkt. Mit Wissen allein lässt sich kein Trost spenden und kein Vertrauen schaffen. Um die Gegenwart zu ertragen und die Zukunft zu gestalten, brauchen wir ein Ziel, eine Vision, eine Hoffnung. Worauf ? Dass es etwas gibt, das über allem, vor allem und nach allem gilt. Früher nannte man das Gott.
Gekürzter Beitrag "Glauben und Zweifeln" DIE ZEIT Nr. 14 v. 31, März 2021

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