Lebensaufgaben
Von
Feierabend-Mitglied
Samstag 02.09.2023, 09:04 – geändert Samstag 02.09.2023, 09:05
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Feierabend-Mitglied
Samstag 02.09.2023, 09:04 – geändert Samstag 02.09.2023, 09:05
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Man ist schnell geneigt insbesondere kath. Geistliche als Sonderlinge abzuurteilen, da sie ihre Lebensaufgabe darin sehen für andere da zu sein und deshalb auf eine eigene Familiengründung und eheliche Verbindung verzichten. Dass dieser Verzicht nicht immer leicht fällt mußte auch Papst Benedikt erfahren. Ich möchte einmal eine Passage aus dem Buch „Benedikts Vermächtnis“ weitergeben:
Joseph war ein gut aussehender junger Mann; schüchtern zwar, aber höflich und charmant. Man kann sich vorstellen, welchen Reiz der hochintelligente, aufgeweckte, vor Wissen strotzende und dennoch so bescheidene Jüngling auf seine Mitstudentinnen ausgeübt hatte, die es am Ausweichquartier der Uni in Fürstenried gab. Durch seine »ungeheure sprachliche Begabung« habe sein Freund zwar gelegentlich »fast manieriert« gesprochen, merkte Rupert Berger an, »aber immer faszinierend, vor allem für Frauen«.
In Ratzingers Erinnerungen an Fürstenried heißt es verklausuliert: »Da war die Lebensgemeinschaft nicht nur zwischen Professoren und Studenten, sondern auch zwischen Studenten und Studentinnen eng, sodass im täglichen Begegnen die Frage des Verzichts und seiner inneren Sinngebung durchaus praktisch war.« Zwar habe er »nie ein direktes Verlangen nach Familie« gespürt, heißt es weiter, er sei aber, »auch durch Freundschaft berührt worden«.
Jahre später hatte ich ihm die Frage gestellt, ob er denn die Liebe, eines seiner zentralen Themen als Theologe und Papst, auch persönlich mit tiefen Gefühlen erlebt habe. Die Antwort Benedikt XVI. war: »Wenn man es nicht verspürt hat, kann man auch nicht darüber reden. Ich habe sie zunächst einmal zu Hause verspürt, bei Vater, Mutter, Geschwistern. Und, na ja, da möchte ich jetzt nicht in private Details einsteigen, jedenfalls bin ich davon angerührt worden, in verschiedenen Dimensionen und Formen.« Ich hakte nach: »Sie sprachen in Ihren Erinnerungen über Fürstenried als von einer ›Zeit großer erlittener Entscheidungen‹. Was genau war das für ein Leid?« Der Papa emeritus entgegnete schmunzelnd, das sei zu persönlich, dazu könne er nichts sagen. »Waren Sie verliebt in ein Mädchen?« »Vielleicht.« »Also ja?« »Könnte man so interpretieren.« »Wie lange hat diese leidvolle Zeit gedauert? Einige Wochen? Ein paar Monate?« »Länger.«
Ist dieses Ringen bezeichnend für den späteren Papst? Er drückte die Sache nicht einfach weg. Er war verliebt, und er fühlte eine Gegenliebe. Er zog gar in Erwägung, ob es nicht besser wäre, eine Laufbahn als Professor für klassische Philologie oder Geschichte einzuschlagen. Ratzinger hatte einige innere Kämpfe durchzustehen, bis er sich endgültig entschieden hatte Priester zu werden. Doch die Entsagung von Fürstenried war wohl eine seiner schwersten.
(aus Benedikts Vermächtnis von Peter Seewald)
Bevor man einen Papst verurteilt und kritisiert sollte man seine Lebensgeschichte erfahren. Durch dieses Buch erlebe ich den „Menschen Joseph Ratzinger“, lerne seine Vorlieben für die Kunst kennen und auch dass er sich intensiv mit Literatur befasst hat und nicht nur mit religiösen Schriften. Einige angeführte Dichter und Größen des Abendlandes sind auch meine Favoriten.
Es gibt Menschen die nicht für eine Ehe geeignet sind, das sagte schon Jesus, Ratzinger gehörte zu dieser Kategorie. Er sah seine Lebensaufgabe im Dienst seiner Kirche, in die er hineingeboren und erzogen worden ist.