Religion
Von ehemaliges Mitglied Freitag 07.05.2021, 11:48
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Warum wir glauben müssen
Religion geht uns immer weniger an, trotzdem werden wir religiöser. Und das ist auch gut so, schreibt Christian Schüle.
An irgendetwas glauben alle. Das persönliche Wohlergehen, die Definition eines gelingenden Lebens, so scheint es trotz aller Diesseitigkeit, kommt ohne Glauben nicht aus. Man muss nicht an Gott glauben, um zu glauben. Man muss nicht Katholik sein, um anzubeten. Man muss sich nicht zum Protestantismus bekennen, um seinen Nächsten zu lieben. Wer aber glaubt, der Mensch komme ohne Glauben aus, der glaubt somit erstens selbst und macht zweitens die Rechnung ohne die Spezies Mensch. Das heißt: Der Mensch glaubt, weil er gar nicht anders kann, als zu glauben. Der Mensch ist von Natur aus religiös, und auch der Atheist ist ein homo naturaliter religiosus. Gibt es Beweise für eine solche These? Gibt es. Ausgerechnet durch die Wissenschaft.
Glaube steigert das Wohlbefinden
Jeder Mensch strebt nach einem positiven Selbstbild. Je höher nun aber die innere Spannung zwischen gewünschtem und erlebtem, zwischen positivem und negativem Selbst ist, desto eher versucht der Mensch, diese Spannung religiös zu lösen.
Aus zahlreichen religionsmedizinischen Studien vornehmlich amerikanischer Wissenschaftler geht hervor, dass Gläubige gesünder sind als Nichtgläubige. Menschen, die mystische Zustände erfahren, weisen angeblich ein höheres Maß an psychischer Gesundheit auf als die Bevölkerung insgesamt.
Der klinische Psychologe David Larson vom amerikanischen National Institute for Healthcare Research hat alle zwischen 1978 und 1989 erschienenen Untersuchungen seines Instituts systematisch auf den Zusammenhang zwischen Glauben und psychischer Gesundheit ausgewertet und kommt zu dem Fazit, Religiosität wirke sich in 84 Prozent der Fälle positiv, in 13 Prozent neutral und in 3 Prozent gesundheitsabträglich aus.
Glaube steigert also das subjektive Wohlbefinden – auch das des Atheisten: Der freilich glaubt, dass es Gott nicht gibt. Daran aber glaubt er.
Die entscheidende Frage lautet schließlich: Könnte das Leben, könnte die Gesellschaft, könnte die Welt ohne Glauben funktionieren? Die Antwort lautete Nein, weil die eigentliche Währung des Religiösen das Vertrauen ist. Um in einer hochdifferenzierten, auf zerbrechlichen Übereinkünften basierenden Umwelt zu überleben, muss der Mensch sich von vornherein auf den guten Gang der Dinge verlassen. Er muss mit der konstanten Stabilität seiner Lebenswelt rechnen.
Auch der Atheist muss vertrauen können, einen doppelten Boden hat er dafür nicht. Er muss auf seine Sinne vertrauen und kann das Wahrgenommene nicht andauernd infrage stellen. Darum geht es letztlich jedem Menschen, ob Atheist, Esoteriker, Christ, ob Moslem - um die Hoffnung auf die für ihn ideale Ordnung. Um die Geborgenheit im Diesseits. Um das Heil in Gemeinschaft. Um den Rausch der spirituellen Erfahrung. Im Vertrauen versichert sich das Individuum seiner selbst. Wer glaubt, hofft. Wer hofft, vertraut. Und wer vertrauen kann – lebt der nicht glücklicher?
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Stark gekürzter Artikel - Auszugsweise Zeitonline.de