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Die Sprecherin

Von Feierabend-Mitglied Samstag 06.12.2025, 21:57

Sie war schön, auf eine scharfe, präzise Art – wie eine Klinge, die spiegelt, bevor sie schneidet. Wenn sie sprach, schwieg die Stadt. Frauen überall lauschten ihr, manche mit Bewunderung, manche mit Zweifel.

„Ich spreche für uns alle“, sagte sie, und glaubte es.
Denn sie kannte Schmerz, sie kannte Lust, sie kannte das Spiel mit Blicken – und hielt das für Erfahrung genug.
Jedes Wort, das sie sprach, war geschmückt mit Parfum und Pathos,
und wenn sie ins Publikum sah,
sah sie nur Gesichter, die nicken sollten.

Anfangs glaubten viele an sie.
Sie wurde gefeiert als eine,
die endlich ausspricht, was so viele erlebten.
Doch mit jedem neuen Satz, mit jeder Geste lernte sie weniger von den Frauen, über die sie sprach.
Ihre Stimme wurde zu einem Mantel,
der alle gleich kleidete, unbarmherzig elegant.

Nach einer Rede in einer glänzenden Halle kam eine Frau auf sie zu – ruhig, ohne Schminke, mit rauer Stimme:
„Du sprichst nicht für mich,“ sagte sie.
„Du sprichst, weil du es genießt, gehört zu werden.“

Da zerriss etwas in ihr, leise, wie Seide. I
n jener Nacht saß sie vor dem Spiegel, nackt, ohne Publikum.
Zum ersten Mal hörte sie, wie leer ihre eigenen Worte waren.
Kein Chor antwortete, kein Applaus – nur das Atmen einer Frau,
die sich selbst kaum kannte.

Am Morgen trat sie barfuß auf die Straße.
Andere redeten, widersprachen, lachten, weinten –
in ganz eigenen Stimmen.
Sie lauschte ihnen lange,
und in ihren Augen lag Scham und
fast zärtliche Erleichterung.

Denn endlich wusste sie:
Wer behauptet, für alle zu sprechen,
hat aufgehört zuzuhören.

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