Post für mich
Der Tag hatte ganz gewöhnlich begonnen. Ich habe meine Morgenroutine ohne Eile abgearbeitet. Im Zimmer hing noch der helle Frühlichtschein durchs Fenster und irgendwo draußen summte ein Insekt. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Tag anders verlaufen könnte als die Tage zuvor.
Etwa gegen zehn Uhr rief mich Frau Hildegard, unser Faktotum im Sekretariat ins Büro. „Post für Sie”, sagte sie. Und mit hintergründigem Lächeln. „Riecht nach Frau.” Ich sah sie zweifelnd an. „Sehr witzig”, sagte ich und nahm den Umschlag, drehte ihn auf die Rückseite. Der Absender darauf war mir unbekannt: „Anni S., Salzburg“, stand in feiner Schrift geschrieben. Ein Brief aus Salzburg? Das wäre an sich nicht ungewöhnlich, nur der Name Anni sagte mir nichts. Mein erster Gedanke: Ruhe. Alleinsein. Keine quatschenden Kollegen. Als bester Ort erschien mir der Pavillon neben der Bocciabahn.
In einem Korbsessel sitzend hielt ich das Kuvert vorsichtig auf dem Schoß und öffnete es. Die Handschrift im Inneren war geschwungen und akkurat. Langsam zog ich das Papier heraus und entfaltete es. Die erste Zeile lautete: „Mein Name ist Anni S. und ich wohne in Salzburg. Von einer Mitarbeiterin der Telefonseelsorge habe ich Ihre Adresse erfahren.“
Mit dieser Vorstellung wirkte sie wie eine unbekannte Freundin. Sie fuhr fort in einfachen, warmen Worten: „Auch ich war lange alkoholkrank, seit einiger Zeit aber bin ich wieder nüchtern. Viele Menschen haben mir geholfen, dafür bin ich dankbar. Vielleicht können wir uns gegenseitig dienen. Mir wurde viel von Ihnen erzählt, vor allem, wie konsequent Sie sich Ihrer (unserer) Sucht entgegenstellen. Ich habe das Gefühl, in Ihrem Kampf gegen den Alkohol viel von mir selbst wiederzuerkennen.“ Zögernd setzte sie einen zarten Vorschlag hinzu: „Wenn Sie möchten, könnten wir brieflich in Kontakt bleiben.“ Sie entschuldigte sich fast für die Kühnheit dieses Briefes und schloss ihn mit „viele liebe Grüße“ und ihrem Namen ab.
Ich saß still da, das zerknickte Papier in den Händen. Ihre Worte erfüllten den Raum, obwohl sie nur auf dem Blatt standen. In mir regte sich etwas – eine unerwartete Wärme, wie der Nachhall eines vertrauten Schmerzes. Ich spürte eine leise Resonanz in ihren Worten, als hätte sie Teile meiner eigenen Geschichte gefunden. Ich fühlte, wie die Sätze nachhallten, aber ich reagierte nicht sofort. Stattdessen schob ich den Brief in meine Brusttasche und sah auf die herzförmigen Blätter des Ginkgo, des chinesischen Glücksbaumes vor dem Pavillon.
Jetzt fiel mir das Telefongespräch mit Ilse vor ein paar Wochen ein. Daher wehte also der Wind. Sie hatte, wie beiläufig gefragt, ob es für mich denkbar wäre, mich mit gleichgesinnten Menschen über meinen Kurverlauf zu unterhalten.
„Warum nicht?”, hatte ich geantwortet.
Ilse hatte von mir, natürlich anonym, erzählt. Ein Schützling von ihr sei begeistert gewesen, wollte mehr wissen über mich, das „Paradepferd” der Telefonseelsorge. Und fragte nach meinen persönlichen Daten. Die sie, so beteuerte Ilse, ohne mein ‚okay’ nicht geben konnte.
Mein „Warum nicht?”, deutete sie offensichtlich als ein „Ja“. Das Ergebnis war dieser Brief von Anni. Ich nickte mir selber stumm zu. Es war mehr als okay. Ich freute mich.
Auch wenn mein Herz ein wenig schneller schlug, bewahrte ich Fassung. Ich war neugierig, berührt, aber noch vorsichtig. Der Tag ging weiter, nichts schien sich nach außen verändert zu haben – und doch hatte sich in mir leise etwas verschoben. In diesem Moment ahnte ich nicht, welche Bedeutung dieser Brief eines Tages erlangen würde. Aber es war, als sei an jenem gewöhnlichen Tag ein winziges Fenster in eine ungewohnte Zukunft aufgestoßen worden, zaghaft und doch bestimmt.
Dreihundertvierundsechzig Tage sind vergangen. Anfangs kam mir diese Zeit endlos vor, als würde sie nie vergehen. Doch morgen verlasse ich diesen denkwürdigen Ort, diesen Ort mit seinen besonderen Menschen. Therapeuten, Angestellte und Patienten – sie alle haben in mir jene Kraft entfacht, die mir nun die Zuversicht für die Zukunft gibt. Sicher, es gab Momente des Zweifels, des Heimwehs und der Versuchung. Das mag wie eine pathetische Abschiedsrede klingen, aber ich stehe dazu. Ich habe es geschafft – und ich bin stolz darauf.
Die Arbeit hier in der Heilstätte hat mir Freude gemacht, und anscheinend ist mein Engagement und meine positive Haltung nicht unbemerkt geblieben. Meine handwerklichen Fähigkeiten, mein Organisationstalent und meine Empathie für Menschen und Tiere haben mir sehr geholfen. Schnell war ich dazu auserkoren, die Leitung der Freizeitgruppe zu übernehmen und später auch die Arbeitsgruppe Bau- und Malerei. Ich organisierte Ausflüge, schrieb Artikel für die Hauszeitung und widmete mich dem Zeichnen und Malen. Meine Acrylbilder waren gefragt, und ich konnte sogar den einen oder anderen Franken damit verdienen. Später, im zweiten (trockenen) Halbjahr, durfte ich als provisorischer Arbeitstherapeut arbeiten und so etwas Geld ansparen. Morgen geht es also zurück nach Salzburg.
Man hatte mir einen festen Posten im Effingerhort und eine Ausbildung zum Ergotherapeuten angeboten. Eine Auszeichnung – und dennoch habe ich mich dagegen entschieden. Ich wollte zurück dorthin, wo alles seinen Anfang nahm, der Ort, an dem die Katastrophe ihren Lauf nahm. Jetzt war es mein erklärtes Ziel, meinen Salzburger Scherbenhaufen aufzuräumen. Ich hatte etwas gutzumachen. Ich wollte allen, die ich durch mein alkoholisches Verhalten belogen und enttäuscht hatte, beweisen, dass ich bereit war, mich zu entschuldigen. Und dann galt es, alte Schulden zu begleichen. Ich wollte allen zeigen, dass ich es geschafft habe. Die Devise lautete: So schnell wie möglich einen Job finden, Geld verdienen und dann – und das war mein großer Traum – mich mit einem eigenen Betrieb selbstständig machen. Das, was ich einst in meiner steirischen Heimat, im Rinnsal des Gehsteigs, aus Steinen, Kronkorken und Glasscherben erschuf, sollten nun Kaleidoskope des Lebens werden – bunte Mosaike aus Liebe und Zuversicht
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