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Mauerbau, 13. August 1961

Wir wohnten im Westteil der Ackerstraße an der Bernauer Straße. Ich war 16 Jahre alt und zu diesem Zeitpunkt auf einer Jugendreise. Die Nachrichten erreichten auch unsere Gruppenleiter und so fuhren wir 2 Tage früher zurück. Uns Jugendlichen wurde erklärt, dass es Krieg geben könnte und wir schnell zurück mussten, damit wir bei unseren Familien sind. Als ich nach Hause kam, war die Stimmung in der Stadt hochexplosiv. An der Bernauer Straße waren viele Menschen, Polizei, auch Kinder und wir beobachteten fassungslos, wir die Mauer gebaut wurde von Arbeitern, die von der Volkspolizei mit Gewehren genau beobachtet wurden. Meine Eltern verboten uns, zur Schule zu gehen, weil unser Weg durch die Bernauer Straße führte. Die war ein gefährlicher Ort. Ein Erlebnis hat mich sehr erschüttert und ist tief in mir noch immer präsent.

In dieser Straße waren auf der einen Seite die Häuserfassaden im Ostteil, der Bürgersteig und die Häuser gegenüber im Westteil. Die Fenster im Parterre und in der ersten Etage waren bereits zugemauert, in den höheren Etagen waren aufgeregte Menschen, die geschrien haben, gelähmt sah ich die ersten Menschen aus den Fenstern springen, zuvor schleppten die Bürger aus dem Westteil Matratzen herbei. In der 3. Etage stand eine Frau mit einem Kleinkind auf dem Fensterbrett. Leute von der Feuerwehr hatten ein Sprungtuch ausgebreitet. Ich hielt den Atem an, die Frau ließ das Kind in das Sprungtuch fallen, das Kind überlebte. Die Mutter sprang hinterher, sprang aber daneben und war sofort tot. Ich begann zu schreien und konnte nicht aufhören, Kunden aus unserem Tante-Emma-Laden brachten mich nach Hause.

Am nächsten Tag waren die Fenster bis zum 3. Stock bereits zugemauert, eine Etage höher stand ein Mann am Fenster, seine Frau bereits auf dem Fensterbrett. Bevor sie springen konnten, waren hinter ihnen Soldaten zu sehen, die die Leute weg zogen und verhafteten. Wir waren in diesen Tagen der Angst, des Entsetzens und dem Chaos unserer Gefühle völlig allein, die Erwachsenen redeten nur noch vom Krieg, Mein Vater jammerte nur, dass er durch diese Mauer etwa die Hälfte seiner Kunden verlieren würde, meine Mutter weinte, weil Oma und unsere Cousinen im Osten lebten und wir sie nicht mehr besuchen konnten.

Meine Brüder und ich waren altersgemäß in der Phase des Aufbruchs und wir gingen auf die erste Demonstration. Ich war politisch so unerfahren und naiv, dass ich mich diesen Massen von Menschen anschloss und mit meinen Brüdern und vielen Jugendlichen in der ersten Reihe lief. Wasserwerfer kamen uns entgegen und ich verstand nicht, warum die Menschen weg liefen , ich marschierte “mutig“ weiter und wurde so stark erwischt, dass ich in den Rinnstein gespült wurde. Polizisten stürzten auf mich zu, mein Bruder konnte mich gerade noch vor einer Verhaftung beschützen. Bis auf die Knochen nass und ohne Schuhe brachte er mich nach Hause, aber ich war stolz, ich hatte das 1. Mal in meinem Leben offenen Widerstand geleistet.

Mit diesem Tag und allem, was in den nächste Wochen geschah, veränderte sich mein / unser Leben.

Mauergedenkstätte Bernauer Straße in Berlin

Autor: Feierabend-Mitglied

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