Warum es mehr als zwei Geschlechter gibt
„Früher war doch alles einfach: Männer wurden als Männer geboren und Frauen als Frauen – Ende der Geschichte.“
So oder ähnlich denken viele Menschen noch heute. Doch ein Blick in Geschichte, Biologie und Gesellschaft zeigt schnell: Ganz so eindeutig war Geschlecht noch nie.
Ein Beispiel aus der Vergangenheit zeigt, dass die Vorstellung von nur zwei klar getrennten Geschlechtern keineswegs überall galt: In vielen indigenen Kulturen Nordamerikas gab es bereits lange vor der modernen Diskussion Menschen, die weder ausschließlich als Mann noch als Frau verstanden wurden. Heute wird dafür häufig der Sammelbegriff „Two-Spirit“ verwendet.
Gleichzeitig begegnen uns heute immer häufiger Begriffe wie „Gender“, „non-binär“ oder „divers“. Für manche schafft das mehr Sichtbarkeit und Verständnis, für andere wirkt das Thema dadurch komplizierter als früher. Doch was bedeutet „Geschlecht“ eigentlich genau? Und wie viele Geschlechter gibt es wirklich?
Geschlecht, Gender, Genus und Co.
Ja, es ist kompliziert. Denn die Zuordnung zu einem Geschlecht – so offensichtlich sie auch erscheinen mag – ist nie genau trennscharf.
Die wohl prominenteste Darstellung von Geschlecht, die man zum Beispiel auf Ausweisen oder amtlichen Dokumenten findet, ist das biologische Geschlecht oder Sex. Das biologische Geschlecht folgt dabei körperanatomischen und genetischen Merkmalen, die Menschen bei der Geburt zugewiesen werden. Obwohl die Zuweisung zum biologischen Geschlecht auf vermeintlich eindeutigen Merkmalen wie den Chromosomen (XX = weiblich, XY = männlich) beruht, ist auch die Zuordnung zum biologischen Geschlecht nie unverständlich. Intersexuelle Menschen besitzen etwa körperliche Geschlechtsmerkmale (z.B. Hoden und Gebärmutteranteile gleichzeitig), die nicht eindeutig in die typischen medizinischen Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ passen. Wichtig: Intersexualität ist keine „Erfindung“ oder bloß eine Identität, sondern biologisch dokumentiert und medizinisch bekannt.
Während Sex biologischen Kategorien folgt, beschreibt Gender die soziale und kulturelle Rolle, die mit dem Geschlecht verbunden ist. „Gender“ stammt aus dem Englischen und bedeutete ursprünglich einfach „Geschlecht“. Gender ist also ein soziales und psychologisches Konstrukt und eben nicht automatisch an den Körper gebunden. Spricht man also von stereotypischen Verknöcherungen wie „typisch weiblich“ = fürsorglich oder „typisch männlich“ = durchsetzungsfähig, dann hat das nichts mehr mit Geschlecht zu tun, sondern mit dem Gender einer Person. Für Gender gibt es keine immerwährend gültige Anzahl – schließlich erleben und beschreiben Menschen von Kultur zu Kultur bzw. Person zu Person ist ihr Gender unterschiedlich – aber einige Beispiele von Geschlechtsidentitäten sind folgende:
- Nichtbinär:
Selbstbeschreibung von Personen, die sich nicht oder nicht ausschließlich mit den binären Geschlechtern identifizieren. - Agender:
Geschlechtsidentität, bei der sich eine Person keiner Geschlechtszugehörigkeit zuordnet oder Geschlecht für sich als nicht relevant empfindet. - Genderfluid:
Personen, die sich zu unterschiedlichen Zeiten männlich, weiblich, beides, keines oder jenseits dieser Kategorien fühlen.
Der Vollständigkeit sei auch das grammatische Geschlecht oder Genus erwähnt. Das hat nichts mit biologischem (Sex) oder sozialem Geschlecht (Gender) zu tun, sondern ist ein Sprachsystem, das Wörter einordnet. Im Deutschen gibt es drei sogenannte Genera:
- Maskulin: der Tisch
- Feminin: die Lampe
- Neutrum: das Haus
Das Genus ist eine Eigenschaft von Wörtern, nicht von Dingen. Ein Tisch ist nicht „männlich“, sondern das Wort Tisch hat einfach das Genus maskulin.
Wie du respektvoll mit dem Thema Gender umgehen kannst
Es ist hilfreich, sich bewusst zu machen, dass man das Geschlecht einer Person nicht immer am Aussehen erkennen kann. Kleidung, Stimme oder Frisur sagen nicht zwangsläufig etwas darüber aus, wie sich jemand selbst identifiziert.
Wenn du also einer Person begegnest und dir nicht sicher bist, welches Gender sie hat oder welche Pronomen sie verwendet, musst du nicht nervös werden. Am besten gehst du zunächst freundlich auf die Person zu. Du musst nicht sofort eine Annahme treffen oder das Geschlecht erraten. Oft reicht es völlig aus, einfach den Namen der Person zu verwenden. Falls es später wichtig wird, kannst du nachfragen, wie die Person angesprochen werden möchte. Du könntest zum Beispiel sagen: „Wie möchtest du angesprochen werden?“ oder „Welche Pronomen benutzt du?“ Es kann passieren, dass du dich einmal versprichst oder aus Gewohnheit das falsche Pronomen benutzt. Das ist menschlich und passiert eben. In so einer Situation solltest du dich einfach kurz korrigieren und normal weitersprechen.
Am Ende lässt sich sagen, dass das Thema Geschlecht, Gender und Identität zwar komplex ist, im Alltag aber auf einen für alle vorteilhaften gemeinsamen Nenner hinausläuft: den respektvollen Umgang miteinander. Denn egal welches Gender – Mensch bleibt Mensch!
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